Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 2
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

beizuführen, die frei von perſönlicher Beziehung und außerhalb aller polemiſchen Richtung belegen einer berichtigten Würdigung zu bedürfen ſcheinen. Wenn es ſich als unthunlich erweiſen ſollte, unſere Programme wiederum, wie früher, mit wiſſen⸗ ſchaftlichen Arbeiten auszuſtatten, ſo ſollten ſie wenigſtens den Verſuch wagen, einen Theil deſſen zu leiſten, was dem Herrn Director Vogel in Leipzig durch ſeine zu einer förmlichen Zeitſchrift erweiterten Programme für ſeine Bürgerſchule zu leiſten gelungen iſt. Freilich iſt dazu die Kraft des Einzelnen nicht ausreichend, weshalb ich an alle Theilnehmende die Bitte um gefällige Lieferung geeigneter Beiträge hier⸗ mit zu richten mir erlaube. Es würde ein nicht unbedeutendes Moment ſein, wenn damit Aufmunterung und Beihülfe gewährt würde, auf dem betretenen Wege der Oeffentlichkeit fortzuſtreben.

Mit aller Befriedigung erkennen wir, daß die Grundlage, welche das G. der höheren Bildung zu gewähren vermag, auch in praktiſcher Beziehung wiederum einer ſteigenden Werthſchätzung ſich erfrent, und daß Manche ihre Söhne zu ihr zurück⸗ führen, die nach Stand und Beruf ihr am fernſten zu ſtehen ſcheinen. Obwohl z. B. von je her eine anſehnliche Zahl von Gliedern des Officierſtandes aus dem hieſigen G. hervorgegangen iſt, ſo hat doch daſſelbe noch niemals ſo viele Novizen als jetzt dem Militärſtande geliefert und darunter namentlich auch ſolche, die einen Werth darauf legen, den ganzen Gymnaſialcurs durchgemacht zu haben und ein günſtiges Maturitätszeugniß zu ihrer militäriſchen Empfehlung benutzen zu können. Da nun jetzt eben vielfältig in Deutſchland die Rede iſt von Aufhebung der Militär⸗ und Cadettenſchulen, ſo könnte es wirklich ſcheinen, daß eine Ueberweiſung der künf⸗ tigen Officiere an die G. bis zur Vollendung ihres Lehrcurſes und bis zu dem daran geknüpften Uebergang zu militäriſchen Facultäten oder Fachſchulen, wie ſie Thierſch vor einigen Jahren in Dresden empfohlen hat, nicht mehr zu den Unmöglichkeiten gehören würde.

Bei der erwähnten Thatſache einer wiederum ſteigenden Achtung der altclaſ⸗ ſiſchen Studien als univerſeller Bildungsmittel und des naturgemäß an ſie zu knüpfenden Betriebes der modernen Culturſtudien kann es nur geringere Bedeutung haben, wenn gewiſſe Autoren, wie Cicero, Virgil, Horaz beanſtandet, andere, wie Pindar, Platon, Demoſthenes empfohlen werden. Gewöhnlich ſind ſolche Anſichten aus getrübter Erinnerung und beſchränkter Sachkenntniß, oder aus beſonderen Ge⸗ ſchmacksrichtungen hervorgegangen, die nur individuelle Berechtigung haben, ohne dem in der beſtehenden Sitte objectiv gewordenen Urtheil von Jahrhunderten und Jahr⸗ tauſenden Eintrag zu thun. Wie es Niemand gibt, dem jeder Autor zuſagt, ſo gibt es auch keinen Autor, der Allen zuſagt, jeder hat ſeine Gegner und läſſt manche ſonſt achtbare und bildſame Naturen eben ſo unbefriedigt, wie die Muſik jenen eng⸗ liſchen Kritiker, der ſie für die erträglichſte Art des Lärmens erklärte. Cicero's Schwächen als Menſch, als Philoſoph, als Staatsmann ſind kein Geheimniß, auch nicht deren nachtheiliger Einfluß auf ſeine Beredſamkeit, die des tieferen Ideenge⸗ haltes entbehrend für Niemand mehr vollendete Muſtergültigkeit hat; aber um des⸗