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in welcher Zucht und Sitte mit ſeltener Kunſt, niemals durch niederdrückende Diſciplin, ſondern durch Hinwenden des Geiſtes und Herzens zum Idealen erhalten und zur wahren geiſtigen Freiheit entwickelt wird.“
Daß in einem Momente, wo nach dem vorjährigen Umſchwung der Dinge alles bisher in Staat und Kirche und Schule Beſtandene, zumal wenn es in näherer Beziehung zur Reſidenz und Staatsdienerſchaft zu ſtehen ſcheint, als grundſchlecht zur Hölle verdammt wurde, auch hinſichtlich unſeres G. einige minder günſtige Ur⸗ theile ſich vernehmen ließen, iſt ſo ganz in der Ordnung, daß in bloßem Vergleich zu der früheren Nichtbeachtung ſelbſt ein Fortſchritt zum Beſſeren darin liegen würde, denn auch der Tadel iſt erwünſcht, wo er nur der Sache gilt, und er vermag oft die kräftigſte Beihülfe dem zu ſchaffen, was auf rein amtlichem Wege erfolglos erſtrebt wird, vorausgeſetzt nur, daß er nicht von Hohn und Spott geſchwellt, ſondern dem Zweck der Beſſergeſtaltung entſprechend, daß er nicht nach Geſchmacksmuſtern ge⸗ formt ſei, die aus Sebaſtian Brandts Narrenſchiff von den Verehrern des heil. Grobianus und den Vertretern„grobianiſcher Sitte“ entlehnt ſind. Aber ſelbſt der formell tadelloſe Tadel erweiſt ſich häufig als ein willkürliches Herausgreifen von zufällig wahrgenommenen Einzelheiten, die meiſt mehr oder weniger entſtellt, ohne Rückſicht auf Urſprung, Zuſammenhang und Wechſelwirkung nur zu ungerechten, den wahren Keim und Sitz des Uebels unberührt laſſenden Behauptungen Veran⸗ laſſung geben*). Die meiſten Bedenken muß aber eine öffentliche Kritik von Per⸗ ſönlichkeiten erregen, die nicht, wie bei akademiſchen Docenten, aus unmittelbarer Friſche der Anſchauung und Anhörung, ſondern aus verbleichenden Erinnerungen, entſtellenden Gerüchten und parteiiſchen Einflüſterungen geſchöpft wird und, wo ſie ganze Collegien umfaſſt, unvermeidlich neben dem Wahren auch manches halb Wahre, ganz Falſche und tief Verletzende zu enthalten pflegt. Selbſt die Wahrheit wird in ihr zur Lüge durch die bloße Verſchweigung deſſen, was ihr zur Folie und Ergän⸗ zung dient oder durch Nichtbeachtung deſſen, was als Einwirkung auf das Ganze in ſeiner Totalität freilich weniger ſichtbar hervortritt, von dem Einzelnen weniger empfunden und überſchaut wird. Indem ich in dem jetzigen, für Jeden, der irgendwo an der Spitze ſteht, ſchwierigen, nicht ſelten alle Collegialität zerrüttenden Verhält⸗ niſſen für zweckdienlich hielt, der Achtung zu gedenken, welche ich meinen Collegen im Lehramte gern erweiſe und zuwende, konnte ich nicht ahnen, daß Jemand, den Schluß ziehend, als hielte ich ihre Perſönlichkeiten vor jedem Vorwurfe geſichert, darauf hin unternehmen würde, mich mittelſt einer allgemeinen Schauſtellung der⸗
*) Wenn z. B. ein Correſpondent nach ſchwerer Beſchuldigung bedauert, keinen tieferen Einblick in das wahre Sachverhältniß gehabt zu haben, ein anderer aber Alles zurück⸗ nimmt, was er zum Nachtheil einer zum Teufel gewünſchten Sache geſagt hatte, ſo iſt damit ein Maßſtab der Würdigkeit und Glaubwürdigkeit eines ſo unbedachtſamen Zu⸗
fahrens gegeben, welches ſich der Mühe überhebt, die feineren Beziehungen der Dinge zu erkennen..
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