Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 2
Entstehung
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Geiſtes durchdringen und umbilden ſoll, während gerade dieſe bildende Kraft nach der obigen Vorausſetzung wo nicht abgeläugnet, doch für ein unbedeutendes und durch andere Mittel leicht erſetzbares Accidens erklärt wird, einem Unterrichte, der für zwei alte Facultäten noch nothwendig ſein ſoll, während dieſe in ihrem eignen Beſtande erſchütterten Facultäten ſich ſeiner Mittel mehr und mehr entſchlagen, und die dem Volk allein ſchätzbaren praktiſchen Fertigkeiten ihrer Fachbildung auch ohne dieſe Mittel, ja oft im Gegenſatz gegen ſie beſtehen. Schon der bloße Wechſel der Anſichten und Syſteme und der ihnen entſprechenden jedesmaligen Behandlung iſt nicht geeignet, die Stetigkeit eines dem Beſſeren conſequent zuſtrebenden Fortſchrittes zu erzielen. Zerſtörende Bewegungen aber ſind in der Schule wie in Staat und Kirche leichter zu erregen, als zu regeln und zu hemmen, und oft wird es unmög⸗ lich ſein, das voreilig Zerſtörte wieder herzuſtellen. Es wäre mehr als ein Wun⸗ der, wenn unter ſolchen Umſtänden und Einwirkungen die wiſſenſchaftliche, insbe⸗ ſonders die philologiſch gelehrte Bildung, die ſelbſt in ihren älteſten und berühmteſten Lehrſtätten in Sachſen und Preußen im Sinken begriffen iſt, bei uns allein auf dem Niveau der früheren Höhe ſich hätte erhalten können. Oder glaubt man denn wirklich, mit rein polizeilichen Maßregeln bloßer Strenge der Anforderungen, der Zurückſetzungen und Durchfallserklärungen Etwas ausrichten zu können, wenn es an der Hauptſache fehlt, an den inneren Motiven und Neigungen für gründliche Durchdringung der Wiſſenſchaft, an Motiven und Neigungen, die ſich in der von äußeren Eindrücken abhängigen Jugend nur da vorherrſchend machen laſſen, wo die Möglichkeit vorliegt, ihr ein beliebtes, geachtetes, gefördertes, von der öffentlichen Meinung getragenes und gehobenes Object der wiſſenſchaftlichen Bildung darzubie⸗ ten? Glaubt man, daß durch bloßen Zwang eine gelehrte Cultur fröhlich gedeihen werde, die geringſchätzig behandelt, dem Leben entfremdet erachtet wird, in welcher zu einem höheren Rufe gelangt zu ſein, faſt für ein Unglück gilt? Die hinſicht⸗ lich des Griechiſchen in früheren Jahren bei uns gemachten Erfahrungen können darüber entſcheiden; denn ich entſinne mich noch der Zeit, wo faſt jeder Geſchäfts⸗ beſuch den Zweck hatte, zu beweiſen, daß die Betreibung jener Sprache für den vorliegenden Fall ſchlechterdings unnütz und überflüſſig ſei, und der damals gleich⸗ wohl feſtgehaltene und allen Schülern der Anſtalt ohne Ausnahme auferlegte Zwang hat nur dazu gedient, Haß und Abneigung zu erregen und in das entgegengeſetzte Erxtrem der Verwerfung aller griechiſchen und lateiniſchen Vorbildung für viele akademiſche Studien umzuſchlagen, und was man erdacht glaubte, um die zum Staatsdienſt führende Laufbahn zu erſchweren und von ihr abzuſchrecken, hat ſie durch jenen Umſchlag nur deſto leichter und gangbarer gemacht. Dieſe Verhältniſſe haben leider ſelbſt einmal einen Moment herbeigeführt, in welchem leichte Belletri⸗ ſterei auf der einen und geheime Verbindungen auf der andern Seite die beiden Pole der Axe wurden, um welche die freie Selbſtthätigkeit eines Theiles unſerer Schüler ſich hauptſächlich herum bewegte. Die Heilmittel aber, die damals ergriffen werden muſſten, waren faſt ſchlimmer, als das Uebel ſelbſt, denn da die verbotenen