Aufsatz 
Zur Gymnasialreform. H. 2
Entstehung
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Erdtheils erfolgte, muſſte man darauf bedacht ſein, das Fehlende durch vermehrten Betrieb herbeizuſchaffen, um ſo lange als möglich das unheilbar gewordene Miß⸗ verhältniß auszugleichen. So wurden die materiellen Intereſſen das Stichwort der modernen Weltcultur, das als Loſung und Feldgeſchrei in allen Lebenskreiſen widerhallte, ſelbſt von der Philoſophie zur Rehabilitation der Materie vergeiſtigt. Die franzöſiſche Revolution von 1830 wirkte zur Hebung der darauf bezüglichen Ideen, ſofern ihre Folgen bald wahrnehmen ließen, daß nur Zufall und kluge Be⸗ rechnung in dem entſcheidenden Augenblick im Stande geweſen waren, ihr ſtatt des eigentlich ſocialen einen vorherrſchend politiſchen Charakter aufzuprägen, deſſen täuſchende Hülle jedoch die zunehmenden Gebrechen des geſellſchaftlichen Körpers nicht mehr verdecken konnte. Je mehr aber auch die materiellen Intereſſen eine wiſſenſchaftliche Baſis erlangt hatten, um ſo mehr muſtte eine niſſenſchaftliche Bildungsweiſe ſich geltend machen, die in näherer Beziehung zu der materiellen Wohlfahrt ſtehen ſollte*). Daher jene dem althergebrachten gelehrten Unterrichte ungünſtige Stimmung, welche hin und wieder ſich geltend machte und auch bei uns bewirkte, daß die öffentlich bemerkbaren specimina eruditionis deſſelben als Producte abgeſtandener Gelehrſamkeit oder als Aeußerungen dünkelhafter Eitel⸗ keit verfolgt, mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurden. Die Localpreſſe hat das hieſige Gymnaſium 15 Jahre lang im glücklicheren Falle ignorirt, im minder glück⸗ lichen nur in einer Weiſe erwähnt, welche nicht geeignet ſchien, um die Geſinnung der Menſchen mit einer Bildungsweiſe zu befreunden, die als eine für das Leben der Neuzeit in ſeinen weſentlichſten Cultur⸗ und Bedürfnißbeziehungen unbrauchbar gewordene, von den öffentlichen Intereſſen fern liegende Beſonderheit ſich heraus⸗ ſtellte. Allerdings bedurfte ſie einer mehrſeitigen Umgeſtaltung und Ergänzung, aber ſelbſt die darauf gerichtete Bemühung wurde wieder durch die zuletzt vorherr⸗ ſchend gewordene Anſicht vereitelt, daß für das G. zu Anknüpfung an die moderne Cultur in keiner Beziehung gewirkt und willfahrt werden dürfe, vielmehr daſſelbe alles deſſen, was damit in näherem Zuſammenhange ſteht, möglichſt entledigt und im Weſentlichen auf die Vorbereitung des akademiſchen Studiums künftiger Theolo⸗ gen, Juriſten und Philologen beſchränkt werden müſſe, als für welche allein noch wegen des Urtextes der poſitiven Grundlagen ihrer Studien die Kenntniß der alten Sprachen einen anzuerkennenden Werth behalten hätte.

Wie man nun auch hierüber denken möge, immer wird ſich doch die Erfahrung aufdrängen, daß es eine ſchwierige, faſt unlösbare Aufgabe ſein müſſe, einem Un⸗ terrichte die erforderkiche Würdigung zu verſchaffen, der das Innerſte des jugendlichen

*) Schon im Jahr 1832 hat der Republicaner Cavaignac das Programm für den Unterricht aufgeſtellt: La science, nous demandons qu'elle soit organisée de manière à faclliter le travail, multiplier la production, la richesse, le bien-étre, propager l'enseignement, défendre les hommes contre les fléaux qui les attaquent. Autant disons nous pour les lettres et pour les arts: utilité sociale, gloire, liberté, concours, élection. Blanc hist. d. dix ans t. 3. p. 408.

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