Aufsatz 
Ist Maria Stuart des Gattenmordes schuldig?
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

der Religion Chriſti vereitelt; jetzt war die Stunde gekommen, den wahren Glauben im ganzen Reich herzuſtellen und den Papismus zu vertilgen. Auch in dieſem Punkte ſtellte man die im Jahr 1560 begründete Ordnung wieder her, die unter der katholiſchen Königin ſtets gefährdet und auch zum Teil peſeitigt worden war. Das Anhören der Meffe wurde mit Gütereinziehung, Verbannung und Tod beſtraft. Die Durchführung der kalviniſtiſchen Glaubenseinheit und Kirchenzucht war die zweite Frucht diefer Revolution. Der Kampf des kalviniſtiſchen Schott- lands gegen ſeine Königin galt der Herrſchaft und dem Glauben. Obwohl eine milde Herrſcherin, hatte Maria den katholiſchen Reaktionsplänen keineswegs entfagt. Unter dieſem Geſichtspunkt hat der Kampf des reformierten Adels etwas Berechtigtes, auch wenn die Mittel, mit denen derfelbe ſeinem Ziele zultrebte, durchaus verwerflich und verabſcheuungswert ſind.

Die Beſtrafung der Königsmörder war und mußte bei dem Aufſtand Nebenſache bleiben, weil die Adelsführer lelbſt an dem Mord teilgenommen hatten. Deshalb ließ man Bothwell im eignen Intereffe entſchlüpfen, obwohl er mehr als einmal mit Leichtigkeit hätte ergriffen werden können. Das Einzige, was in dieſer Beziehung geſchah, war die Hinrichtung mehrerer Helfershelfer des Grafen. Die Bekenntnille aber, welche dieſe ſowohl bei ihrem Verhör als auch öflentlich auf dem Schaffot vor dem Volk ablegten, belaſteten die neuen Beherrſcher Schottlands mehr als den entflohenen und geächteten Grafen Pothwell. Das Bekanntwerden diefer Dinge und noch mehr die einſeitige und rückſichtsloſe Parteiherrſchaft Murrays führten jenen Umſchwung herbei, der nach der Flucht Marias aus Lochleven im Mai 1568 erfolgte. Bei weitem der größte Teil des Adels erklärte ſich jetzt wieder für die Königin, um den Uſfurpator Murray zu ſtürzen. Allein ein einziges unbedeutendes Gefecht raubte Maria die Faffung. Sie that den unbeſonnenſten Schritt ihres Lebens, indem ſie nach England floh und ihr Land dem Bürgerkrieg preisgab. Ihre Anhänger hatten bei Langſide nur etwa 500 Mann verloren, der größte Teil des königlichen Heeres hatte überhaupt gar nicht am Kampf teilgenommen. Maria hoffte jedoch ihren Thron ſicherer mit Hülfe Eliſabeths wiederzugewinnen, denn dieſe hatte im Jahr 1567 mit der größten Entſchiedenheit die Partei der Gefangenen und Entthronten ergriffen. Sie hatte ihr unzähligemal Schutz und Beiſtand verſprochen und hatte die un- gehorſamen ſchottiſchen Unterthanen mit gewaltſamen Maßregeln bedroht. Dielſe feindliche Haltung der engliſchen Königin gegen die ſchottiſchen Revolutionäre beruhte jedoch keineswegs auf wahrem Mitgefühl mit dem Schicklſal Marias. Eliſabeth erklärte ſich vielmehr deshalb gegen die Revolution, weil ſie darin eine Gefahr für alle Throne und nicht zum wenigſten für den eignen erblickte.

Belonders dieſe drohende Haltung Eliſabeths war es, welche die Lords dazu getrieben hatte, nach einer Rechtfertigung ihres perfiden Vorgehens zu fuchen. Um vor dem In- und Ausland die eignen Verbrechen zu bemänteln, wurden Anklagen gegen die Königin erhoben. Die Lords hatten ſich im Frühjahr 1567 empört, um Maria zu befreien und den Mörder Bothwell zu beſtrafen. Allein dieſen ließen ſie entſchlüpfen und kerkerten ſtatt defſen die Königin ein. Die Gründe für dieſe ſeltlame Art von Befreiung kamen erſt Ende Juli, kurz vor Marias Entthronung, zum erſtenmal amtlich zur Sprache. Man drohte, falls die Königin nicht freiwillig zurücktrete, neben der Anklage der Tyrannei und des Verfaffungsbruchs auch eine ſolche wegen Buhlerei und Gattenmordes zu erheben, und prahlte, die beiden letztgenannten Verbrechen mit dem handſchriftlichen Zeugnis Marias beweiſen zu können. Dieler Beweis aber wurde nicht erbracht, obwohl Maria ihre Thronentſagung für erzwungen und nicht bindend erklärt hatte. Die Lords konnten die Königin durch das Gerücht entehren, nicht aber durch den öffentlichen Nachweis der erhobenen Beſchuldigungen.

Die Königin Eliſabeth hatte bei der erſten Nachricht von der gegen Maria erhobenen Anklage erklärt, das glaube ſie nicht, der Erfinder folcher Geſchichten ſei Maitland. Als aber jetzt die alte Nebenbuhlerin in England war und dort von den Katholiken des Landes wie eine Königin empfangen und gefeiert wurde, machte ſie es geradeſo wie die ſchottiſchen Re- bellen. Maria wurde aus einem Gaſt alsbald eine Gefangene. Dieſe Gefangenſchaft fuchte