Aufsatz 
Ist Maria Stuart des Gattenmordes schuldig?
Entstehung
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der katholiſch franzölilchen Herrſchaft der Stuarts ein Ende und legte alle Macht in die Hände der ebenſo herrſchfüchtigen als rohen und rückſichtsloſen, kalviniſtiſchen Adelspartei. Zwei Parteien nämlich ſtanden ſich in Schottland gegenüber, eine national-ſchottiſche und eine kalviniſtiſch- engliſche. Die erſtere, die aus Proteſtanten und Katholiken beſtand, fuchte die Selbſtändigkeit des Landes zu wahren, wenn es ſein mußte unter dem Schutze Frankreichs. Die letztere ſetzte ſich nur aus Kalviniſten zuſammen; ſie hatte die Herrſchaft unter engliſchem Beiſtand errungen und hatte Frankreich mit Hilfe Englands den Frieden von Edinburg abgetrotzt. An der Spitze dieſer Partei ſtand Marias Halbbruder, der Graf von Murray, ein ehemaliger Prior. und der gewandte und verſchlagene Laird von Maitland u. a. Faſt alle Verſchwörungen und Aufſtände, welche dieſe und ihre Partei anſtifteten, geſchahen im Einverſtändnis mit England, dem alten Bundesgenoflen. Politiſches Geſchick und unerſchrockene Thatkraft, gepaart mit der rückſichtsloſeſten Gewaltthätigkeit und Roheit, ſind dieſer Partei seigentümlich. Die verwerf- lichſten Mittel ſchienen gerechtfertigt, wenn nur der Zweck erreicht wurde.

Als Maria Stuart nach dem Tod ihres erſten Gatten, des franzöſiſchen Königs Franz II., den Entſchluß faßte, nach Schottland zurückzukehren, fetzte ſie ihr ganzes Vertrauen auf den Grafen von Murray, ihren liſtigen und ehrgeizigen Halbbruder. Die junge, erſt 19 Jahre alte Königin folgte dem Rat dieſes Mannes faſt ausſchließlich, und Murray benutzte die ihm ver- liehene Macht lediglich dazu, die Herrſchaft ſeiner Partei noch ſtärker zu befeſtigen. Auf ſeine Anklagen hin wurde gegen die Häupter der altſchottiſchen Partei, den katholiſchen Grafen von Huntly, den Kanzler des Reichs, und ſeine Söhne, die Lords von Gordon, ſowie gegen den Grafen von Bothwell mit Tod und Verbannung gewütet. Er brachte es dahin, daß die Gegenpartei jeden Einfluß verlor, und daß neben ihm die beiden anderen Führer seiner Partei, der Graf von Morton und der Laird von Maitland, Marias Miniſterium bildeten. Für eine kurze Zeit ſah die erſtäunte Welt das im 16. Jahrhundert wohl einzig vorkommende Schauſpiel, daß eine bigott katholiſche Königin zum Nachteil ihrer katholiſchen Unterthanen ausſohließlich proteſtantilchen Ratgebern folgte. Nur dielem Umſtand verdankte Maria den Frieden, der ihren erſten Regierungsjahren beſchert war. Sowie ſie ſelbſtändig auftrat und anfing auch anderen Rat zu hören, verwandelten ſich die ehemaligen Ratgeber in ihre Todfeinde, die vor keinem Mittel zurückſchraken, die gefährdete oder verlorene Herrſchaft wieder zu erlangen. Dieſer Augenblick kam mit Marias Heirat. Der junge Mann, mit dem ſich die Königin im Sommer 1565 vermählte, war ein Ausländer und Katholik. Die katholiſche Welt knüpfte an dieſen Ehebund die kühnſten Hoffnungen. Der Papſt und Philipp II. fahen darin den erſten Schritt zur Wiederbekehrung der ganzen Inſel. Aus demfſelben Grund aber erregte dieſe Ver- bindung den Argwohn und Zorn der ſchottiſchen Adelsführer und der Königin liſabeth. Heinrich Darley ſtammte mütterlicherſeits von den Tudors ab; der abgeſchloflene Ehebund be- deutete alſo eine namhafte Verſtärkung von Marias Anſprüchen auf den engliſchen Thron. Die kalviniſtiſchen Adelshäupter fahen in dem katholiſchen König einen Feind, der ſie im Interelle des Königtums und des Katholizismus aus ihrer Machtſtellung zu verdrängen fuchen mußte. Die Wiederaufrichtung der ſeither unterdrückten Gegenpartei, eine Gegenreformation und Heraus- gabe der eingezogenen Kirchengüter mußte ein katholiſches Königspaar als ſeine nächſte und vornehmfte Aufgabe betrachten. Aus dieſen Gründen ſetzte Murray alles daran, um dieſe Heirat zu vereiteln, und als ſie doch zuſtande kam, verſchwor er lich mit einem Teil ſeiner Anhänger. Die Königin ſollte gefangen nach Lochleven gebracht werden, den König wollte man lebendig oder tot an Eliſabeth ausliefern. Allein Verſchwörung und Aufſtand mißlangen. Ver- bannung und Flucht nach England waren das Ende des Unternehmens.

Erſt jetzt war Maria Herrin im eignen Haus, und erſt jetzt fing ſie an, als katholiſche Königin zu handeln. Die Anhänger der altſchottiſchen, England feindlich geſinnten Partei er- hoben wieder das Haupt. Die nächſte Folge von Murrays Sturz war die Rückkehr des Grafen Bothwell aus der Verbannung. Maria plante aber noch andere Umwälzungen. Sie hatte dem Papſt und Philipp II. ſchon längſt gelobt, ihr Land wieder in den Schoß der allein ſelig-