Aufsatz 
Ist Maria Stuart des Gattenmordes schuldig?
Entstehung
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Quelle aber, aus welcher die genannten Autoren und ihre gleichzeitigen und ſpäteren Nach- folger wörtlich ihre Nachrichten ſchöpfen, iſt eine Schmähſchrift, ein Pamphlet, welches auf Beſftellung der Königin Eliſabeth und ihres Miniſters Cecil erſt jahrelang nach dem Tode Darleys fabriziert wurde, zur Zeit der Gefangenſchaft Marias in England. Diefe Schmähſchrift diente rein politiſchen Zwecken. Sie erſchien unter dem vielverſprechenden Titel Enthüllung (Detectio); und unter den engliſchen Staatspapieren findet ſich auch das Schreiben der Königin Eliſabeth, worin ſie ſich über den Zweck und die Beſtimmung diefer ſauberen Schrift unver- blümt ausſpricht. Sie wollte ihre«gute Schweſter» dadurch entehren, und ſie felbſt gab ihren auswärtigen Geſandten den Befehl, das Schriftchen heimlich und ja ſo, daß niemand merke, woher es käme, zu verbreiten. Die Detectio wurde unter Leitung des engliſchen Miniſters ſelbſt in lateiniſcher, ſchottiſcher,engliſcher und franzöſiſcher Sprache herausgegeben und nach den verſchiedenen Ländern verſandt. In dem Anhang dieſer Schrift erſchienen zum erſtenmal die angeblichen Bothwellbriefe Marias.

An Marias gutem Ruf wurde ein politiſches Verbrechen begangen. Um dieles zu ver- ſtehen, muß man erwägen, welches hohe politiſche Intereffe Eliſabeth daran hatte, ihre katho- liſehe Gegenkönigin vor der proteſtantiſchen und katholiſchen Welt moraliſch zu vernichten. Die Königin Maria galt bei den Katholiken Europas als die allein wahre Königin von England. Eliſabeth war Ketzerin und galt für eine Baſtardtochter Heinrichs VIII., da ihre Mutter Anna Boleyn den Tod durch Henkershand erlitten hatte. Maria aber hatte nach Eliſabeth die nächſten Anſprüche auf den engliſchen Thron, und als franzöſiſche Königin, als Gattin Franz II., hatte ſie ehemals den Titel und das Wappen einer Königin von England geführt. Die An- ſprüche beider Königinnen waren nicht durch einen Vertrag geregelt. Eliſabeth vermied dies. Sie erblickte mit vollem Recht in einer öffentlichen Anerkennung der Anſprüche Marias eine Gefährdung des eignen Thrones. Als Maria im Jahr 1568 in Pngland erſchien, wurde fie von dem katholiſchen Norden mit ungeheurem Jubel begrüßt, und bald danach entſtand ein gefährlicher Katholikenaufſtand, als Eliſabeth anfing, ihren königlichen Gaſt wie eine Gefangene zu behandeln. Spanien und Frankreich ergriffen Marias Partei, der Papſt erklärte Eliſabeth für abgeſetat. Um dieſe Zeit und unter folchen politiſchen Vorgüngen entſtand der Gedanke einer Detectio. Dieſe hatte den ausgeſprochenen Zweck, die Entthronung und Gefangenſchaft der Schottenkönigin vor den großen Maffen des Volkes, Iowohl in proteſtantiſchen wie in katho- liſchen Kreiſen, zu rechtfertigen. Die Königin, welche der gemeinſten Verbrechen geziehen wurde, ſollte ebenſo unwürdig als unfähig erſcheinen, ein Volk regieren zu dürfen oder regieren zu können. 4

Die Detectio ſelbſt ergiebt ſich bei genauerer Betrachtung als das, was ſie iſt, und was ſie von Anfang an ſein ſollte, eine Schmäh- und Parteiſchrift. Ihr Verfaffer war jener ſchon ge- nannte Latiniſt BuoHANXAN, ein käuflicher Gelehrter. Da nun der Einfluß diefer Detectio be- ſonders in den Werken proteſtantiſcher Geſchichtſchreiber hervortritt, war es die Aufgabe der hiſtoriſchen Kritik, alle hierher gehörigen Quellenwerke erſt unter diefem Geſichtspunkt zu prüfen und zu läüutern. Erſt auf diefe Weiſe ließ ſich unter Hinzuziehung der reichen zeit- genöſliſchen Korreſpondenz der wahre Hergang aller jener Ereigniſfe feftſtellen, welche wührend der kurzen Regierung Marias in Schottland in lo raſcher Aufeinanderfolge eintraten..

Der Boden, auf welchem um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Schottland alle Streitig- keiten zwiſchen Krone und Unterthanen erwuchfen, war die Reformation. Die Verhältniſſe, welche der Abfall vom alten Glauben in dem kleinen Reich gelchaffen hatten, waren derart, daß jedes katholiſche Oberhaupt, mochte es Maria Stuart oder anders heißen, mit dem über- wiegend proteſtantiſchen Land in Streit geraten mußte. Der ſehottiſche Adel, ſowohl der prote- ſtantilche wie der katholiſche, hatte die Reformation zur Einziehung der reichen Kirchengüter benutzt. Dadurch hatte ſich ſeine Machtſtellung ungemein erhöht. Die völlige Selbſtändigkeit aber errang diefer Adel während der Minderjährigkeit Marias in dem ſiegreichen Kampf gegen die Regentin Marie von Guiſe, Marias Mutter. Im Juli 1560 machte der Friede von Edinburg