Aufsatz 
Ist Maria Stuart des Gattenmordes schuldig?
Entstehung
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Der König wurde diefem Verhältnis geopfert. Maria wollte den Geliebten heiraten, allo mußte der Gatte ſterben. Sein Mörder war Bothwell, und Mitwiflerin war Maria.

Die Hauptbelege für dieſe Darſtellung bildeten acht Briefe, welche Maria an den Mörder ihres Gatten und ihren Entführer geſchrieben haben foll. Unter diefen acht Briefen aber iſt nur einer, aus dem ein Mitwillen der Königin an dem Mord hervorgeht. Aber gerade dieſer Brief, der nach Umfang und Inhalt der vichtigſte iſt, hat ſeinen Wert gänzlich eingebüßt, denn die hiſtoriſche Kritik erkennt ihn jetzt allgemein als eine grobe Fälſchung an. Die noch übrigen ſieben Briefe geben inhaltlich keine Belege für einen Anteil am Gattenmord. Waren lie an Bothwell gerichtet, ſfo könnte man höchſtens daraus einen indirekten Schluß ziehen und ſagen, die Geliebte des Grafen hat wohl um deffen Vorhaben gewußt. Allein auch dieſe Briefe haben, genau wie ihr gefallener Genolfle, alle Merkmale der Fälſchung. Sie wimmeln von Widerſprüchen, linnloſen Redensarten; ſie haben keine Anrede, keine Unterſchrift und kein Datum. Man konnte folglich von Anfang an nur behaupten, Maria habe dielſe Briefe geſchrieben, denn die Briefe felbſt geben dieſen Ausweis nicht.

Klar iſt, daß aus folchen Beweiſen allein die Frage der Schuld oder Unſchuld nicht entſchie- den werden konnte, und es war ein Fehler, auch der deutſchen hiſtoriſchen Kritik, den Schwerpunkt der Frage faſt ausſchließlich in dieſen Briefen zu fuchen. Bei einer oft ſehr erkünſtelten Wort- kritik traten die geſchichtlichen Thatfachen in den Hintergrund. Die Entſcheidung der Frage lag nicht in den Briefen, fondern in der richtigen Ergründung der Preignifle, welche den Tod des Königs und den Sturz ſeiner Gattin herbeiführten. Die Geſchichte der Schottenkönigin ſelbſt mußte beweiſen, ob dieſe Briefe echt ſein können oder nicht, denn der Prüfſtein ver- dächtiger Quellen kann nur die geſchichtliche Darſtellung ſein, welche auf echten, von Augen- und Ohrenzeugen beglaubigten Quellen beruht. Beſtand jenes berüchtigte Verhältnis mit Both- well, deffen Folge ein Mord war, ſo liegt auf der Hand, daß auch noch andere Zeugnille von Zeitgenoſfen dafür vorhanden ſein müfſen. Die zuverläfligſten Quellen aber für geſchichtliche Vorgänge ſind die diplomatiſchen Korreſpondenzen. Sie allein geben die Möglichkeit, die Ereignille Woche für Woche, ja Tag für Tag, verfolgen zu können. Wir lelſen hier die Berichte, welche mit den FEreigniſſen ſelbſt entſtanden ſind, und gerade von dieſen Quellen konnten die Memoiren- und Geſchichtſchreiber jener Zeit meiſt in nur ſehr beſcheidenem Maß Gebrauch machen. Ihre Werke können daher in vielen Fällen nur als Quellen zweiten Ranges betrachtet werden.

Die Publikation der Korreſpondenzen, welche Maria Stuart betreffen, führte bei der Darſtel- lung der Geſchichte dieſer Königin zu einer völligen Umwälzung. Denn gerade dieſen Quellen, der Tageslitteratur des fechzehnten Jahrhunderts, iſt jener angebliche Skandal am ſchottiſchen Hof völlig unbekannt. Den in Edinburg, London, Parxis, Brüffel u. f. w. lebenden Geſandten und Staatsmännern iſt weder vor noch nach der Ermordung Darleys irgend etwas über ein Verhältnis Marias zu Bothwell zu Gehör gekommen. Die angeblichen Schuldbeweiſe ſind auf Grund dieſer Quellen eine Unmöglichkeit. Allein damit war die Brieffrage noch keineswegs gelöſt, denn von einigen brieflichen Nachrichten abgeſehen, die allerdings nur Gerüchte erwähnen, ſprach eine ganze Reihe der namhafteſten geſchichtlichen Autoritäten des 16. Jahrhunderts für die Echt- heit jener Briefe. An der Spitze ſteht der berühmte Latiniſt BuonANAN mit ſeiner Geſchichte Schottlands, neben ihm ſpielt die Geſchichte der ſchottiſchen Kirche von J. KNox eine nicht minder bedeutende Rolle. Die Nachrichten dieſer wurden wieder beſtätigt und geſtützt durch die Memoiren eines ſchottiſchen Diplomaten Namens MEi. vIt, durch die Memoirs de l' Estat de France, durch DE THou und viele andere. Dieſe Autoren waren auch Zeitgenoflen und dazu zum Teil Schotten, die zeitweile an Marias Hof gelebt hatten. Gerade dieſe hochangeſehenen Schriftſteller berichten mit ſeltener Treue und Obereinſtimmung über Marias Skandalverhältnis und über ihren Anteil am Gattenmord. Ihre Nachrichten beweiſen die Echtheit der Briefe mit derfelben Stärke, mit welcher die oben erwähnte diplomatiſche Korreſpondenz derſelben wider- ſpricht. Aber auch dieſe Stützen der Briefe mußten fallen, als einmal der Nachweis erbracht war, daß diele gelamte zeitgenöffiſche Quellenlitteratur auf eine Quelle zurückgeht. Diele