Iſt Maria Stuart des Gattenmordes ſchuldig?*)
Von Dr. Ernst Bekker.
Die Maria-Stuart-Frage zerfällt in zwei verſchiedene Teile, welche beide von Verſchwörungen handeln. Die erſte derfelben galt dem Leben von Marias zweitem Gatten und endete am 9. Februar 1567 mit deffen gräßlicher Ermordung. Die zweite, die ſogenannte Babington- Ver- ſchwörung, richtete ſich gegen den Thron und das Leben der Königin Eliſabeth und endete am 18. Februar 1587 mit der Hinrichtung der Schottenkönigin.
In beiden Fällen drehte ſich der Streit um die Frage: Hat Maria ihre Einwilligung zur Ermordung des Gatten und der Königin Eliſdbeth gegeben oder nicht? Und in beiden Fällen berief man ſich zum Beweis für Marias Schuld auf Briefe, welche diefe Verbrechen beſtätigten. Die Echtheit dieſer Briefe aber war von Anfang an zweifelhaft, und die Königin Maria lelbſt hat dieſes Beweismaterial ſtets als eine ruchlofe Fälſchung von ſich gewieſen. Sie hat bei den Unterfuchungen, welche die Königin von England gegen die angebliche Gattenmörderin und Hochverräterin veranſtaltete, unzähligemal gebeten und gefordert, man ſolle ſie ihren Anklägern perſönlich gegenüberſtellen, oder ihr doch wenigſtens Abſchriften jener angeblichen Schuldbeweiſe geben. Die engliſche Regierung iſt dieſen gerechten Forderungen niemals nachgekommen. Sie hörte nur die Anklagen und die Ankläger, aber ſie wagte nicht, irgend einen der Be- weilſe, ſogar nicht einmal Abſchriften derſelben, in die Hände der Königin oder ihrer Vertreter kommen zu lafſen.
Die vorliegende Abhandlung betrifft nur den erſten Teil dieſer Frage, die Ermordung des Königs Heinrich Darley**) und die Beziehungen Marias zu dem Grafen von Bothwell, der ſich an dieſer Blutthat beteiligt hatte. Die Verurteiler der Königin ſahen die Urſache dieſes Mordes in einem Verhältnis Marias und Bothwells. Die Königin, ſo erzählte man, haßte ihren Gatten, weil er ihren Liebling, den Sänger und Geheimſekretär David Riccio, hatte töten laſfen. Sie faßte bald nach dieſer Mordthat zu dem kühnen, verwegenen Grafen von Bothwell eine leiden- ſchaftliche Liebe, die ſich in einem überaus anſtößigen und Tkandalöfen Verhältnis kundthat.
*) Eine ausführliche kritiſche Unterfuchung. diefer Frage findet ſich in dem erſten Band der Gießener Studien, M. Stuart, Darley, Bothwell von Dr. EiNsr-BEkkwh, mit einem Vorwort von W. OxCkux. Die neueſte größere deutſche Arbeit auf dieſem Gebiet veröffentlichte W. FnibbhʒsnunG in dem 12. Band des neuen Plutarch. FnrnpExspüRGs M. Stuart faßt in unparteiifcher Weife das Ergebnis der in dieſer Streitfrage ſeither erſchienenen Schriften zufſammen. Sein Urteil und feine Darſtellung bilden in allen entfcheidenden Punkten eine Beſtätigung der in den Gießener Studien feſtgeſtellten Thatflachen. Die Mitteilungen, welche ich hier mache, entſtammen faſt ausſchließlich meiner oben genannten erſten hiſt. Unterfuchung. Zur Er- günzung benutzte ich bei einzelnen Punkten auch die Arbeit FniEpExSsBunRGs.— Weitere Mitteilungen über die Maria-Stuart-Frage finden ſich in dem 3. Bd. der Gießener Studien, Beitrüge zur neueren Geſchichte von W. OxCkEk. Die gleichzeitigen politifchen Beziehungen Schottlands und Englands zu Frankreich, Spanien und Deutſchland, fowie die inneren Vorgünge am Hof Elifabeths werden in Bd. IV u. V der Gieß. Stud. beſprochen. Bd. IV. Beiträge zur englifchen Geſchichte im Zeitalter Plifabeths u. Bd. V. Elifabeth u. Leiceſter v. Dr. E. BEkkhh. 3 3
**) Diefe Schreibart iſt im 16. Jahrh. allgemein herrfchend. In den lat., ſchott., engl., franz. u. fpan. Quellentexten findet ſich diefer Name, mit fehr feltenen Ausnahmen, ſtets ohne n gelchrieben. Sieht man als entfcheidend an, wie die Zeitgenoflen diefen Namen ſchrieben und fprachen, und wie M. Stuart felblt den Namen ihres zweiten Gatten ſchrieb, dann iſt die Schreibart Darley zweifellos die allein richtige.
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