Aufsatz 
Über neoprovenzalische Litteratur
Entstehung
Einzelbild herunterladen

30

felebrige und ihr Bund heißtla felibrarie. Zweck des Bundes iſt, die provenzaliſche Sprache aus den getrennten Dialekten zu Einem gemeinſamen diom mit gleichmäßiger Orthographie zurückzuführen und der neuen Sprache litterariſche Bedeutung zu verſchaffen. Als gemeinſchaftliche Arbeit erſcheint jedes Jahr ein provenzaliſcher Almanach, welcher aus Beiträgen derfelibre zu⸗ ſammengeſetzt wird und im gemſe ſüdlichen Frankreich verbreitet iſt. Der Ver⸗ leger und zugleich der äußere Mittelpunkt des ganzen Bundes iſt Roumanille, welcher ſeine Profeſſur aufgegeben und ſich als Buchhändler in Avignon nieder⸗ gelaſſen hat. Das Haupt des Bundes, deſſen Seele und leitende Perſönlichkeit, iſt Miſtral, der durch ſein im Jahre 1858 erſchienenes lyriſch⸗epiſches Gedicht Mireio eine hervorragende Stelle unter den Dichtern des heutigen Frankreichs überhaupt und weitaus die erſte unter den Dichtern der Provence einnimmt. Diefelibrarie hat durch ihre glänzenden Erfolge im ſüdlichen Frank⸗ reich den Beweis geliefert, wie falſch das, namentlich in Paris, verbreitete Vor⸗ urtheil iſt, die Mundarten der verſchiedenen Landſchaften Frankreichs ſeien im Abſterben. Wer den Süden Frankreichs nicht kennt, wer nie Gelegenheit hatte, unter der ländlichen Bevölkerung daſelbſt zu leben, kann ſich keinen Begriff machen von der Unverträglichkeit, der Unzulänglichkeit der Sprache des Nordens für die Sitten und die Bedürfniſſe des Südens, von ihrer Armuth im Vergleich u der reichen Gliederung der mittäglichen. Die nach der Provence verpflanzte ranzöſiſche Sprache macht den Eindruck der Armſeligkeit, ſie iſt wie ein enges, eines, ſeddfiſch Gewand auf den Schultern eines kräftigen von der Sonne gebräunten Schnitters. Entſtanden unter einem regnichten, düſtern Himmel, in einer durch Hofförmlichkeiten eingezwängten, vor Allem nach den Sitten der höheren Stände gemodelten Geſe ſchaft, iſt die Sprache des Nordens von Natur widerſetzlich gegen eine freie Bewegung, einen feurigen Charakter, gegen die länd⸗ lichen Sitten und das lebendige, bilderreiche Wort der Provenzalen. Wie ſie mehr künſtlich, mehr herkömmlich iſt als jede andere, ſo paßt ſie auch mehr als jede andere für geſellige Unterhaltung, für Staatskunſt und für die neuen Bedürfniſſe einer erkünſtelten Geſittung. AÄber ſie hat dieſes hohe Gepräge nicht ungeſtraft erworben. Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, England, Deutſchland, die moderne Provence haben ihre epiſchen Gedichte: Frankreich hat keines, und wird es vielleicht nie erhalten. Der Grund iſt einfach: Die franzöſiſche Sprache iſt nuftan, iſt eine Treibhauspflanze die epiſche Dichtung aber iſt natürlich, urwüchſich. iche ſolche Sprache konnte dem dichteriſchen Streben der feurigen Pro⸗ venzalen nicht genügen und kaum war der erſte Anſtoß gegeben, als zahlreiche begabte Männer ſich erhoben und als felibre der felibrarie ſich anſchloſſen. In mächtigen Wogen ſprudelte der Quell ſüdlicher Dichterbegeiſterung und in wenigen Jahren hat ſich eine nahmhafte Schaar um Miſtral vereinigt. Die lyriſche Poeſie iſt das vorzüglichſte Feld dieſer Dichter, nur bei Miſtral finden wir einen hohen epiſchen Zug, der ſich glänzend in ſeinem ſchon erwähnten Ge⸗ dichtMireio bethätigt, das gleich bei ſeinem Erſcheinen das größte Aufſehen erregte und in der Provence eine wahre Begeiſterung hervorrief. Durch eine reiche Fülle der herrlichſten Naturſchilderungen ſchlingt ſich die einfach liebliche Erzählung der unglücklichen Liebe Mireio's, eines wohlhabenden Landmädchens, u dem armen Korbflechter Vincent. Sitten, Gebräuche und Sagen der Provence ind in naturwahren Zügen dargeſtellt; einzelne Beſchreibungen haben ein wahr⸗