Aufsatz 
Über neoprovenzalische Litteratur
Entstehung
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Seite geſtellt werden durfte? Hierauf bemerke ich nur, daß dieſe aus der Litteratur nun verdrängte Mundart, da ſie noch immer als cultivirtes und nicht unedles Volksidiom einen großen und ſchönen Theil des romaniſchen Europa's inne hat, gerechte Anſprüche auf unſere Rückſicht zu haben ſchien; die ganze Ungleichheit kommt darauf hinaus, daß man von dieſer zu ihrer neueren Form abwärts, von den übrigen zu ihren älteren aufwärts ſteigt.

Indem wir den von dem großen Romaniſten angedeuteten Weg gehen, wollen wir kurz die wenigen hervorragenden Dichter nennen, welche zur Zeit der tiefſten Verſunkenheit der provenzaliſchen Sprache auftraten, und dann zu der endlichen Wiedergeburt derſelben in unſeren Tagen übergehen.

Kurze Zeit nach den verhängnißvollen Ordonnanzen von Franz I. begegnen wir Claude Brueys von Aix(1570 1635), der fünf ganz vorzügliche Luſtſpiele ſchrieb und für den Schöpfer und Meiſter dieſer Dichtungsart in den Provence gelten kann. Im Anfang der Regierungszeit Ludwig XIV. blühten Pierre Goudely von Toulouſe und Nicolas Sabely von Avignon, welcher eine Samm lung von Geſängen(noëls) ſchrieb, die heute noch in der ganzen Provence im Munde des Volkes leben. Kurze Zeit nach ihnen lebte noch Abbé Favre, ein vorzüglicher Satyriker, dem ſich einige weniger bedeutende Dichter anreihen. Immer mehr und mehr ſinkt die provenzaliſche Dichtung und wäre wohl ſchließ lich vollſtändig untergegangen, wenn nicht die auf die Revolution von 1830 folgen⸗ den Jahre materiellen Wohlſeins, verbunden mit dem Auftreten der romantiſchen Schulen in Frankreich, den wie der Funke unter der Aſche fortglimmenden Dich tergeiſt der Provenze wieder geweckt hätten. Der auch in Deutſchland nicht un bekannte Naturdichter Jasmin von Agen iſt gewiſſermaßen der Vorläufer der provenzaliſchenRenaissance, als deren Urheber und Hauptbeförderer Fried rich Miſtral betrachtet werden muß.

Miſtral wurde 1830 im Dorfe Marlllane, zwiſchen Arles und Avignon, eboren und lebt, nachdem er ſeine juridiſchen Studien vollendet hat, als wohl⸗ habender Gutsbeſitzer auf ſeinem väͤterlichen Erbe. Schon in frühen Jahren, als er noch auf dem Lyceum in Avignon war, brachte ihn die Bekanntſchaft mit einem reizenden Gedicht des Abbé Ferdhe(Lou siège de Cadarousso) auf den Gedanken, ſein Leben der Rehabilitirung ſeiner ureerſerahe zu widmen. Im Jahre 1846 gewann der jugendliche Dichter in der Perſon des Profeſſors Roumanille einen Freund und Mitarbeiter. Von nun an ſtudirten ſie gemein⸗ ſchaftlich die alten Schriften und Sammlungen der Provenzalen und unter⸗ nahmen es, die alte Sprache ſo viel als möͤglich wieder herzuſtellen, das Fremd⸗ artige aus der modernen Sprache auszumerzen, und dieſelbe wieder zu einer Litteraturſprache zu erheben. Die erſte Frucht dieſer Bemühungen war ein im Jahre 1847 von Roumanille herausgegebener Band Gedichte margarideto (Maßliebchen). Der vollſtändigſte Erfolg krönte dieſen erſten Verſuch. Schon in den nächſten Jahren vereinigten ſich mehrere junge Dichter mit Miſtral und Roumanille und gaben im Jahre 1849 eine Sammlung Gedichte heraus unter dem Titelli provençalo, durch welche die neue Schule bald allgemein be⸗ kannt wurde.

Da der Nametroubadour verbraucht, ja vielfach dem Spotte anheim gefallen war, nannten ſich die jungen Dichtergenoſſenfelibre(das Wort felibre entſpricht ungefähr der Bezeichnung Doktor), ihre Werke bildenla