Aufsatz 
Über neoprovenzalische Litteratur
Entstehung
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Ritterſchaft ſeiner Zeit. Bald richtet er ſeine Blicke nach dem Throne von Byzanz, den er nicht nur erſehnt, ſondern auf den er Anſprüche zu haben wähnt; bald ſetzt er ſein Leben in Gefahr für ſeine Dame, Louve de Penaultier, in⸗ dem er ſich als Wolf(louve, Wölfin) verkleidet, und durch die Wälder rennt. Er wurde ſeiner Zeit hoch in Ehren gehalten und hatte bei den Frauen, denen derartige überſchwengliche Huldigungen gefallen haben mochten, großes Glück; er ſtarb endlich, und ſeine letzten Worte waren Rathſchläge an einen Genoſſen ſeiner Zunft, an einen der bereits ſinkendenjongleurs über die Kunſt, die Zunge zurückzuzehenla maneira de retirar 1 lengua.*) er vollendetſte Vertreter der kriegeriſchen, nahezu noch barbariſchen ritterlichen Sänger des Mittelalters iſt der berühmte Bertrand de Born, der bald im Gefolge von Richard Löwenherz, bald in dem ſeines Bruders, dieſelben beſtändig gegen einander aufreizt und ſie zur Empörung gegen ihren Vater, Heinrich II. antreibt. Er iſt es, dem Dante in ſeinemInferno jene furchtbare Errafe erleiden läßt, in der neunten Malebolge mit abgehauenem Kopfden Weg des Elends zu wanken. ... O ſieh die ſchwere Marter, Der athmend Du die Todten Dir betrachteſt, Und ſieh, ob andere ſich mit ihr vergleichen! Und daß von mir Du Kunde bringen köͤnneſt, So wiſſe denn: Ich bin Bertran dal Boruio, Der ſchlimmen Muth dem jungen König machte. Ich hetzte Sohn und Vater auf einander! Nicht ärgres that an Abſalom und David Ahitophel durch böſer Rede Stachel. Weil ich ſo nah verbundne Weſen trennte, So trag' ich mein Gehirn getrennt, ich Armer, Von ſeinem Urſprung hier in dieſem Rumpfe! Und laſſe ſo Vergeltungsrecht erkennen!

Dantedie Hölle XXVIII. Geſang 130 142. . Ueberſetzt von Tanner.

Die religiöſe Seite der provenzaliſchen Dichtung endlich iſt ganz in Peter Cardinal zu finden. Entrüſtet über die allgemeine Entartung, ſieht er überall nur Elend, Schmach und Schande. Seine Worte ſind der Ausdruck einer kräftigen Seele, aber erfüllt von Galle und Bitterkeit. Kein Theil der Geſell⸗ ſchaft findet Gnade vor ſeinen Augen und in bitterem Hohne ruft er aus:

Mas si fos uns que lo malvalts pogues. Cridar ferai, e non guardassen on: Venetz manjar, li pro home del mon.

(Aber wenn ich der Mann wäre, die Böſen einzuladen, ſo würde ich ausrufen laſſen(allerwärts) und nicht achten, wo: Kommt eſſen, ihr braven Leute der Welt!)

An anderen Stellen greift er den Klerus ſeiner Zeit mit furchtlbar ernſten Anklagen an, und man hätte Mühe, ihn noch als religiöſen Dichter zu betrachten, wüßte man nicht, daß er kein ungläubiger Spötter, ſondern ein ernſter Chriſt war, der vor Zorn entbrannte gegen die Mißbräuche, gegen welche gerade zu ſeiner Zeit(Ende des XI. Jahrhunderts) Papſt Gregor VII. ſeinen ge⸗ wichtigen Bannſtrahl ſchleuderte.

*) Sismondi, Histoire des litt. du midi de l'Eur. I. 177.