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Da die ſtarke Vermehrung der Inſecten ihre Schädlichkeit in kürzeſter Friſt auf eine ſehr bedenkliche Höhe ſteigern würde, ſo mußte die Natur hier ſelbſt wieder hemmend eingreifen, um den Ausſchreitungen dieſer Thierclaſſe die nöthigen Schranken zu ſetzen. Als ihr wirkſamſtes Mittel in der Beſchränkung der Kerfe hat ſich ſtets der Einfluß der Witterung und namentlich raſcher Wechſel von Näſſe und Kälte erwieſen. Dann aber hat ſie auch in der Thierwelt ein unüberſehbares Heer wackerer Mitarbeiter, die als Inſectenvertilger entweder das ganze Jahr’hindurch eifrig thätig ſind oder bloß Sommerdienſt zu verſehen haben, oder nur zu gewiſſen Zeiten als willkommene Hülfstruppen eintreten. Unter den Säuge⸗ thieren mähren ſich ausſchließlich von Inſecten alle in Europa lebenden Fledermäuſe, die durch ihre Gewandtheit, Schnelligkeit und Freßgier ganz Außerordentliches leiſten, ſodann die Ameiſenfreſſer (Myrmecophaga) und Ameiſenſcharrer(Orycteropus), erſtere in Südamerika und letztere in Afrika, die durch Vertilgung der Alles unterminirenden Termiten ſehr nützlich werden. Daran ſchließen ſich in unſerer Gegend aus der Claſſe der Säugethiere als nicht zu verachtende, zum Theil ſehr eifrige Inſectenvertilger, die aber nicht ausſchließlich auf dieſe Nahrung angewieſen ſind, Igel, Maulwurf und Spitzmaus. Das größte Heer vorzüglich ausgerüſteter und mit großem Erfolg wirkender Inſectenfeinde, ſtellt die Claſſe der Vögel. Es ſind hier zu nennen die meiſten Tag⸗ und Nachtraubvögel(Wespenbuſſard), ganz beſonders aber die Klettervögel, unter denen die Spechte und Kuckuke in erſter Linie ſtehen, alle Rabenvögel mit Ausnahme des Kolkraben, die meiſten Singvögel und viele Sumpfvögel. Auch die Claſſe der Reptilien hat einige Inſectenfreſſer aufzuweiſen, wie Eidechſen, Wurmzüngler, die unſchuldig verfolgte Blindſchleiche und viele Lurche, ebenſo nähren ſich viele Fiſche von In⸗ ſecten und deren Larven, auch alle Spinnenthiere oder Arachniden mit Ausnahme einiger ſchmarotzen⸗ den Milben ſind ausſchließlich auf Inſectenraub angewieſen; ein Hauptgegengewicht gegen die übergroße Vermehrung der Inſecten beſitzt die Natur aber in dieſer Claſſe ſelbſt und zwar in den Raubinſecten und Paraſiten. Wir können ſelbſtverſtändlich hier nicht ausführlich auf die einzelnen Gattungen und Arten eingehen, ſondern nur die Hauptgruppen vorübergehend berühren. Als Raubkäfer find zu nennen die Lauf⸗ und Weichkäfer, die ſchnellfüßigen Kurzflügler und die Kugelkäfer, unter den Ader⸗ flüglern die Mordwespen und Raupenrödter, unter den Netzflüglern die Waſſerjungfern, Kameelhals⸗ und Blattlausfliegen, und unter den Gradflüglern die Fangheuſchrecken. Die merkwürdigſten Inſectenfeinde ſind aber unſtreitig die Schlupfwespen oder Ichneumonen, von denen man ſchon an 5000 deutſche Arten kennt, und die Mordfliegen, die alle ihre Eier in Raupen, Larven oder Puppen, ja ſogar in Eier verſchiedener Inſecten legen und deren auskriechende Larven ſich von den Säften ihres Wirthes nähren. Das ſind die Hülfstruppen, deren ſich die Natur bedient, um der übergroßen Vermehrung einzelner und namentlich pflanzenfreſſender Inſecten*) Schranken zu ſetzen; das ſind die Wächter, die ſofort da eintreten, wo das Gleichgewicht im Naturhaushalte geſtört zu werden droht. In den Jahren, in welchen die Raupen des Kohlweißlings— um von vielen Beiſpielen nur ein ſehr naheliegendes zu wählen— maſſenhaft auftreten, finden wir häufig im Spätherbſte an Gebäuden, Plan⸗ ken ꝛc. viele todte Raupen, die mit kleinen gelblichen Cocons bedeckt ſind. Aus dieſen Tönnchen entſtehen im kommenden Frühjahr 1 ½ 1große Schlupfwespen(Microgaster glomeratu). Das Weibchen dieſer Schlupfwespe bohrt nämlich mit ſeinem Legeſtachel in den Körper der lebenden Kohlraupe ein feines Loch, durch welches ſeine winzig kleinen Eier ins Innere der Raupe gelangen; die daraus ſich entwickelnden Lärvchen nähren ſich von den Säften der Raupe, die ungehindert weiter frißt und ſich einen paſſenden Ort zum Verpuppen aufſucht, hier aber von den unterdeſſen erwachſenen Schlupfwespenlarven durchbohrt
*) Das Wechſeloerhaltniß zwiſchen pflanzenfreſſenden Inſecten und Schlupfwespen iſt eines der glänzendſten Beiſpiele für die wunderbar zweckmäßig vermittelte Ordnung und Harmonie im Naturhaushalte.“ Roßmäßler.


