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der Inſectenwelt auf die mannichfachſten Verhältniſſe im großen Haushalte der Natur, ſo ergeben ſich 2 Hauptpunkte der Betrachtung, einmal die Bedeutung der Inſecten als Glied oder Claſſe des Thierreichs, und dann ihr Einfluß auf die Pflanzenwelt.
Keine andere Thierclaſſe iſt ſo artenreich als die der Kerfe. Burmeiſter und Lacordaire ſchätzen die Anzahl der beſchriebenen und in Sammlungen aufbewahrten Inſecten auf mehr als 90,000 Arten.“*) Was nun das Verhältniß der Artenzahl im Vergleich zu den übrigen Thierclaſſen betrifft, ſo ſagt Leunis:„Nehmen wir die Zahl der lebenden Säugethiere als 1 an, ſo erhalten wir für Infuſo⸗ rien, ſowie für Strahlthiere und Würmer etwa%, für Reptilien und Kruſtenthiere ¼, für Spinnen⸗ thiere 1 ½, für Polypen 1 ¾, für Vögel 3, Fiſche 3 ¾, Weichthiere 5 ¼ und für Inſecten 31 ½. Die Zahl der Inſectenarten übertrifft alſo die der Säugethiere 31 ½ mal.“—
Keine andere Thierclaſſe iſt aber auch ſo reich an Individuen; die Zahl derſelben geht ins Un⸗ ꝛermeßliche und überſteigt alle Zahlenverhältniſſe. Man vergleiche nur einfach die Individuen einer einzi⸗ gen weit verbreiteten höheren Thierart, etwa die des gemeinen Haſen oder des Feldhuhns mit denen der Stubenfliege oder des Maikäfers oder irgend einer andern Inſectenſpecies, dann wird man ſich leicht einen annähernden Begriff von der Menge der Kerfe zu bilden vermögen. Faſt jedes größere entomolo⸗ giſche Werk bringt über maſſenhaftes Auftreten einzelner Inſecten Mittheilungen, die oft ans Unglaub⸗ liche grenzen. So erzählt Dr. Dohrn von einem Eiſenbahnerlebniſſe aus dem Jahre 1854, wo der zwiſchen Brünn und Prag mit voller Geſchwindigkeit daherbrauſende Eiſenbahnzug plötzlich durch einen Zug von Kohlraupen, der die Schienen auf mehr denn 200 Fuß Länge dicht bedeckte, zum langſamen Tempo und gleich darauf zum vollſtändigen Stillſtehen gebracht wurde, weil ſich die ſchmierige Maſſe der zerquetſchten Raupenkörper mit außerordentlicher Cohäſion an die Räder legte. In welch ungeheuren Schwärmen zuweilen die Wanderheuſchrecken auftreten, iſt bekannt; ſie erſcheinen oft in zahlloſen, mehrere Stunden langen und breiten Zügen, welche buchſtäblich die Luft verdunkeln, was man in allen älteren Chroniken des ſüdöſtlichen Europa's verzeichnet finden kann**) und worüber die Zeitungen jedes Jahr neue Berichte liefern.
Was das Fortpflanzungsvermögen oder die Vermehrungsfähigkeit der Inſecten betrifft, ſo ſind es unter den Wirbelthieren nur gewiſſe Fiſche, und unter den niederen Thieren beſonders Mol⸗ lusken, Polypen und Infuſorien, von denen ſie in dieſer Hinſicht übertroffen werden. Die meiſten Kerfe
aber vermehren ſich wegen der großen Anzahl der Eier und des ſchnellen Wachsthums der Larven außer⸗ ordentlich ſtark. Eine Bienenkönigin z. B. legt gegen 40,000, und ein Termitenweibchen ſogar an 80,000 Eier.„Eine Blattlaus kann in öter Generation eine Nachkommenſchaft von 5 Millionen, und ein Paar graue Fleiſchfliegen(Sarcophaga carnaria) in einem Sommer an 500 Millionen ha⸗ ben. Dieſelbe kann in kurzer Zeit gegen 2000 Maden zur Welt bringen, die bei reichlicher Nahrung in 24 Stunden 200 fach an Gewicht zunehmen und in 5 Tagen ausgewachſen ſind; daher man mit Linne ſagen kann, daß ſchon wenige Individuen eben ſo ſchnell wie ein Löwe ein Pferd auffreſſen können. Eine Kiefern⸗Blattwespe, die jährlich nur einmal 100 Eier legt, kann, wenn die Hälfte der Eier Weib⸗ chen liefert und keins davon zu Grunde ginge, ſchon im 10ten Jahre eine Nachkommenſchaft von 200,000 Billionen Afterraupen haben, welche in einem Jahre alle Kiefern⸗Waldungen Deutſchlands zerſtören könnten.“***)
*) Taſchenberg geht ſogar ſo weit, die Zahl der einzelnen Arten— nicht bloß der beſchriebenen— auf mehr als eine Million zu ſchätzen.
**) Auch im Propheten Joel(II. 2— 10.)
***) Leunis, Synopfis 1r Theil S. 420.


