Aufsatz 
Einiges über die Bedeutung der Insecten im Haushalte der Natur
Entstehung
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kein Quadratfuß Wieſen⸗ oder Feld⸗ oder Waldboden, in welchem nicht Inſecten zu finden wären; in den Wurzeln wie in jedem andern Theile der Pflanzen, ja ſogar in der papierdünnen Fläche der Blätter zwiſchen den beiden Oberhäuten wühlen Inſecten; in faulenden Pilzen leben Legionen kleiner Käfer⸗ und Fliegenlarven; im Stamme todter wie anſcheinend geſunder Bäume; im Schlamme übelriechender Pfützen der Bäche und Quellen, im ſtinkenden Aaſe wie in der würzigen Pflaume überall treffen wir dieſe kleinen Eindringlinge an. Ja im Magen, den Hirnhöhlen, den Eingeweiden, unter der Haut höherer Thiere leben Inſecten, und daß das weisheitbrütende Haupt des Herrn der Schöpfung den zahlreichen Nachkommen eines nur mit Abſcheu genannten Inſects als Tummelplatz dienen muß, wer kann es läug⸗ nen? Inſecten folgen uns in unſere Kleiderſchränke, auf unſere Getreideſpeicher, ſie zernagen uns unſere Hausgeräthe und die Balken unſerer Wohnungen, den Naturforſchern zerſtören ſie ihre Sammlungen, den Tod ihrer Brüder und Schweſtern rächend; und wenn der Gelehrte ſeine alten Folianten eine Zeit ruhen läßt, ſo wühlen einſtweilen Inſecten heißhungrtg in der beſtäubten Gelehrſamkeit herum; ja Humboldt erzählt, daß die furchtbaren Termiten, ameiſenähnliche Inſecten, in manchen Städten Südamerika's durch Vernichtung aller in Archiven aufbewahrten Papiere dereinſtigen Geſchichtsforſchern im Voraus die Mühe des Nachleſens erſpart haben.

Aus dieſen kurzen Andeutungen geht deutlich genug hervor, welche Mannichfaltigkeit in der Ernährungs⸗ weiſe der Inſecten herrſcht und welch ein großer Tummelplatz der Inſectenwelt zum Aufenthalte von der Natur angewieſen worden iſt. Die Thiere keiner andern Claſſe ſind ſo weit und ſo allgemein verbreitet; keine andere Thierclaſſe verurſacht aber auch außer einigen Säugethieren und Reptilien den Menſchen größeren und dauernden Schaden als die Inſecten. Wir erinnern hier nur vorübergehend an die Kerfe, die oft ganze Obſternten vernichten, an die Raupen des Kohlweißlings und an die Erdflöhe, die unſere Gemüſepflanzen zerſtören, an den Maikäfer, und ſeine gefräßige, überall als Engerling be⸗ kannte Larve, die zu den größten Feinden der Landwirthſchaft gehören, an den ſchwarzen Kornwurm (Calandra granaria) und an die Kornmotte(Tinea granella), die den Getreidevorräthen ſchaden, an die Wander⸗ oder Zugheuſchrecke, die in den öſtlichen Ländern Europa's zu einer der größten Landpla⸗ gen wird, an das große Heer ſtechender und zum Theil ekelhafter Paraſiten und andere Plagegeiſter und Peiniger.*) Daneben darf freilich auch der Nutzen nicht überſehen werden, den viele Inſecten für die Menſchen haben, indem ſie Kleidungsſtoffe, Honig und Wachs, Farbſtoffe und ſogar Arzneimittel lie⸗ fern. Wir weiſen nur flüchtig hin auf die Seidenraupe, deren Zucht mehr als 1 ½ Mill. Menſchen Lebensunterhalt verſchafft und jährlich einen Werth von ungefähr 200 Mill. Thlr. Seide erzeugt, auf die Biene, deren Zucht einen nicht unwichtigen Zweig der Landwirthſchaft bildet und ſeit den älteſten Zeiten von Aegyptern, Römern und Griechen als eine ergiebige Quelle des Nationalwohlſtandes betrieben wurde, an die Cochenille⸗Schildlaus(Coccus cacti), deren getrocknete, rothe, runzelige Leichen ſeit 1526 als Far⸗ beſtoff bekannt ſind und einen ganz bedeutenden Handelszweig bilden, indem man aus Cochenille rothen Carmin, die ſchönſte Scharlachfarbe, Carminlack, Carmoiſinlack ꝛc. bereitet zu Anfang dieſes Jahrhun⸗ derts betrug nach Humboldts Angaben die jährliche Ausfuhr der Cochenille aus Amerika 6 Mill. Gul⸗ den, und aus Südſpanien wurde im Jahr 1850 über 800,000 Pfund rohe Cochenille nach England ver⸗ kauft an die Färber⸗Gall⸗Wespe(Cynips tinctoria), die auf der Färbereiche(Quercus infectoria) in Kleinaſien die bekannten Galläpfel(Gallen⸗Aleppo des Handels) bewirkt, die zum Färben, zur Berei⸗ tung von Tinte ꝛc. gebraucht werden und von denen die Holländer einſt jährlich 10,000 Ctnr. einführten.

Faſſen wir nun unſer Thema etwas näher ins Auge und überſchauen wir den mächtigen Einfluß

*) Der berühmte Forſcher Ratzeburg beſchreibt allein 650 ſchädliche Forſtinſecten Deutſchlands.