Aufsatz 
Nachtrag zu der Abhandlung über die Aechtheit der Urkunden bei Demosthenes / Johann Theodor Vömel
Entstehung
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werth:Wenn die Redner selbst in den Reden, die sie veröffentlichten, die Urkunden mit- edirt; so hat Demosthenes auch in der Rede vom Kranze, da er sie edirte, die Urkunden selbs mitgetheilt. Aber wir haben anerkannter Weise in den vorliegenden Actenstücken nicht diejenigen, welche Demosthenes selbst eingelegt hat, da mehrmals die Urkunden nicht zu dem passen, was sie beurkunden sollen. Es müssen demnach die in der ursprüng- lichen Publication der Rede mitgetheilten Actenstücke sich bei wiederholtem Abschreiben, bei Zurücktreten des sachlichen gegen das rhetorische Interesse aus den gewöhnlichen Ausgaben verloren haben. Die uns vorliegenden Actenstücke sind erst später und ohne Zuziehung vollständiger Exemplare der Rede, wie sie etwa in Alexandrien u. s. W. zu finden seyn mochten, beigefügt worden u. s. w. Oder die Redner haben die Urkunden bald einge- legt, bald fortgelassen? Das wäre gar wohl denkbar. Aber dann fügten sie dieselben in den Fällen gewiss bei, wenn sie ihre Reden zu ediren Zugleich ein publicistisches Interesse hatten. Und die Rede vom Kranze war bestimmt die ganze öffentliche Stellung des Aeschi- ues zu vernichten; hier galt es die überzeugendsten Beweise die beweisenden Docu- mente dem lesonden Publicum vorzulegen.

Mögen die alten Redner die Documente zuweilen mitherausgegeben haben, so thaten sie dies doch gewiss nie so, dass sie das Kunstwerk(die Rede) unterbrachen, sondern dann nur in einem Anhang, wie auch noch von den jetzigen politischen Rednern geschieht. Ich hoffe aber, dass Hrn. Droysen's und meine Wege nicht mehr so weit aus einander gehen. Denn das, was ich am Schlusse meines letzten Programms andeutete, widerspricht dieser Ansicht nicht, welche Hr. Prof. Droysen in dieser Abhandlung aufstellte. Nach diesem Vorange- schickten sey es mir vergönnt, zu der Frage zurückzukehren, wie ich es mir als möglich denke, dass die Urkunden erhalten wurden. E

Lassen wir uns von der Hand der Geschichte leiten. Strabo(LIII, 1§. 54 p. 608 ff.) erzählt:Aus Skepsis gebürtig waren Koriskus und sein Sohn Neleus. Dieser Mann hörte sowohl den Aristoteles als auch den Theophrast und erhielt die Bibliothek des Theophrast, in welcher auch die des Aristoteles enthalten war. Denn Aristoteles hatte die seinige dem Theophrast vermacht, dem er auch seine Schule hinterlassen hat, der erste unseres Wis- sens, welcher Bücher gesammelt und die Könige in Aegypten gelehrt, eine Bibliothek auf- zustellen. Theophrast aber vermachte sie dem Neleus. Dieser brachte die ererbten Bücher nach Skepsis.([Er verkaufte sie(zum Theil) dem Ptolemäus Philadelphus nach Alexandria. Athen. I. p. 3 A.] Er hinterliess(die übrigen) seinen Nachkommen, welche, ungebildete Menschen, die nicht sorgfältig hingelegten Bücher verschlossen hielten. Als sie aber den Eifer der attalischen Könige, denen Skepsis gehörte, bemerkten, wie diese, um eine Bibliothek in Pergamum zu errichten, überall Bücher aufsuchen liessen, vergruben sie dieselben. Von

*) Dies Programm muss Hr. Droysen beim Absenden seiner Abhandlung noch nicht gehabt haben, wie ich aus dem vermuthe, was er über die Nauarchen, die Stichoi und den dorischen Dialekt darin sagt.