Aufsatz 
Über des Sophokles Antigone
Entstehung
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sie sey die unbeugsame Tochter des unbeugsamen Vaters, die dem Unglück nachzugeben nicht verstehe. Der Stolz und die Gereiztheit gegenüber dem König, welcher den todten Bruder und sie in ihm verletzt hat, stützt sich auf das Bewusstseyn eine heilige Pflicht geübt zu haben, welehes um so stärker in ihr waltet, als sie, das Weib, die politische Ordnung der Dinge, in welcher thätig zu seyn ihr fremd ist, in ihrer Wichtigkeit nicht ernstlich in Erwägung ziehen muss, und ihr darin eher etwas nachgesehen werden darf, als dem Manne. Unser Gefühl richtet nicht das Weib nach seinem Verhalten gegen Staat und Politik, da wir diese als seinem wahren Wesen fremd betrachten, sondern nach seinem Benehmen in allen Beziehungen des Reinmenschlichen, und das liebevollste Weib wird uns auch das theuerste seyn, seine Begeisterung für die Geliebten uns als wahr und edel erscheinen, und wir werden alle Zeit zartes Mitleid und mitleidige Thätigkeit in allen Menschenverhältnissen von ihm als natürlich erwarten und das sie bethätigende ehren. Hätte Antigone in diesem verhängnissvollen Augenblick, von weiblichem Zagen ergriffen, sich mit ihrer Liebe zum Bruder entschuldigt, und um ihr Leben bitten wollen, so wäre ihr Untergang wohl abzuwenden gewesen, und der König würde, wenn er reuigem Flehen hätte widerstehen wollen, als ein Abscheu erregender gefühlloser Tyrann erschienen seyn, weil dem Weibe ein Uebertreten seiner Gebote verzeihen, diese nicht ernstlich durch ein böses Beispiel gefährden konnte. Aber unbeug- sam beharrt sie auf ihrem hohen, stolzen Sinne, was aber natürlich ist*), weil

*) Dass der Dichter gleich in der ersten Scene den Charakter der Antigone so hinstellt, dass ihr nachheriges Thun und Benehmen nicht nur natürlich, sondern in ihrer Lage geradezu noth- wendig erscheint, zeugt eben so sehr von der Sicherheit seiner Kunst, als es vortrefflich wirkt. Nichts wirkt bei der Theilnahme an einer Dichtung peinlicher auf das Gefühl als das Unnoth- wendige, aus welchem sich die Katastrophe entwickelt, wie z. B. in Shakespeare's Othello. Wir schen in dem Mohren den tüchtigen Krieger, offen, bieder, voll Einsicht und Verstand, wohl- wollend, edel und hingebend in Liebe und Freundschaft, und doch tödtet er sein geliebtes Weib und geht kläglich unter, in einer Weise, welche das Gefühl peinigt, weil keine Nothwendigkeit dazu sich aufdrängt. Der Hauptbeweis gegen Desdemona ist das von ihr verlorene und in Cassio's Hand gelangte Taschentuch. Hätte Othello nur einmal die Sache ernstlich zur Sprache gebracht und der Gattin Untreue vorgeworfen, hätte er gegen Emilien, welche er als Kupplerin betrachtet, nur einmal ernstlich von diesem Tuche gesprochen, so wäre die Sache gleich an den Tag gekom- men, und die Geschichte mit der Eifersucht, aber freilich auch mit der Tragödie zu Ende gewesen. So muss denn freilich das heisse afrikanische Blut herhalten, um einen sonst umsichtigen, in Krieg und Staatsgeschäften mit Besonnenheit und Klarheit handelnden Mann blind wie ein

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