Aufsatz 
Über des Sophokles Antigone
Entstehung
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und tritt ihnen mit Muth entgegen. Der Muth des edlen Weibes aber war und wird immer in der Liebe sich äussern, nicht in den Dingen der Welt, und selbst das schwächere Weib findet in sich eine starke Kraft, wenn es ein liebendes Verhältniss gilt. Um so mehr aber wird eine edle Seele die Ihrigen in gereizter Stimmung lieben, je mehr sie mit diesen durch ein besonderes Geschick in eine traurige Stellung im Leben den Andern gegenüber gebracht ist, und dies ist mit Antigone der Fall, da sie mit ihren Geschwistern aus unbewusster Blutschande entsprungen ist, und ein schreckliches Verderben auf dem ganzen Stamme lastet. Kaum hat sie den greisen Vater, dem die Gnade der Götter, als sein Gemüth durch rechte Erkenntniss seines Geschicks zur Ruhe gekommen war, einen ruhigen ersehnten Tod vergönnten, in dem Hain der furchtbaren Eumeniden verlassen, nachdem sie ihn unter Noth und Ent- behrungen geleitet, so morden die Brüder, wuthtrunken wie vom Fluch ihres Hauses berauscht, einander, und der neue Herrscher Thebens, Kreon, befiehlt den Polynices, welcher mit peloponnesischer Hülfe die Heimath in heftigem Kampfe angegriffen, nachdem er den Bruder mordend durch Bruders Hand gefallen und das fremde Heer geflohen war, unbestattet den Hunden und Vögeln zum Frass liegen zu lassen. Antigone als reines weibliches Wesen, ohne Theilnahme an den Anordnungen der Staatsverwaltung, nur Liebe fühlend zu den Ihrigen, welche das Unglück so sehr zu einem Gegenstand des Schauders und des Mitleids macht, lässt sich in ihrer gereizten Stimmung, da ihr tiefver- wundetes Herz nur leidenschaftlich empfindet und keine kalte Ueberlegung, welche den eigenen Vortheil und Nachtheil abwägt, zulässt, nicht durch das Gebot des Königs schrecken. Sie erblickt darin nur eine tiefe Beleidigung, als ob der König sie die Königstochter, seine nächste Verwandte, die Braut seines eigenen Sohnes, welche sich durch Abkunft und Stellung im Leben über gemeine Unter- thänigkeit erhaben fühlt, für unwürdig und feig halte, wenn er meine, sie werde die heilige Pflicht gegen den todten Bruder seinem weltlichen Gebote nachsetzen.

Kreon, der neue Herrscher Thebens und Oheim der Antigone, welcher ihr gegenüber steht und mit dessen Herrscherbefehl ihre That in Confict geräth, ist in keiner Hinsicht ein unwürdiger und böser Mensch, welcher den Willen zeigt, um seines Vortheils oder seiner Laune willen eine Ungerechtigkeit zu begehen, oder welcher kalt und hartherzig den sanftern Gefühlen und dem Mitleid unzugänglich wäre. Ihn erfüllt ganz die neue Herrscherpflicht, und er ist, weil er argwöhnt, es möge ihm der Fhron missgönnt und insgeheim bedroht