Aufsatz 
Über des Sophokles Antigone
Entstehung
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giebigen Labdakidenstamms fliesst*), liebt die Ihrigen mit um so innigerer Liebe, je unglücklicher sie sind und ihrer Hülfe bedürfen, und da ihr grauen- volles Geschick einen düsteren Schatten auf ihr Leben wirft und der Freude keinen vollen Raum gestattet, so ist sie ernst gefasst auf herbe Begegnisse,

*) Mit voller Bestimmtheit nennt der Dichter Oehlenschläger in sciner Selbstbiographie die Antigone unschuldig mit den Worten:Auch ist ja die Antigone des Sophokles vollkommen unschuldig und weicht keiner Christin in edler Gesinnung. Ihre Gesinnung ist zwar edel und tugendhaft, aber christlich ist sie nicht, weil das Christenthum durchaus Demuth und Sanftmuth erheischt, Antigone aber dem Kreon mit Stolz gegenüber steht und seine kränkende Rede mit gleich kränkender Rede vergilt. Wie recht sie auch nach ihrem Gefühl und ihrem Gewissen gehandelt habe, so liegt doch keine christliche Sanftheit und Demuth, sondern Unbeugsamkeit und Stolz in dem Trotz, womit sie ihre Handlung gegenüber dem rechtmässigen Herrscher gegen sein Gebot vertheidigt und dies als schlecht und ruchlos bezeichnet, ein Gebot, welches kein willkührliches war, weil heilige Sitte dem entarteten Sohne, welcher mit frevlerischer Hand das Vaterland zu verwüsten kam, diec Wohlthat des Grabes nicht zusprach. Mochte Kreon immerhin vielleicht zu starr und schroff verfahren, so war er doch der rechtmässige Herrscher, und es kann der Ungchorsam gegen seine Gebote nicht gerade vollkommene Unschuld darthun, weil sie durch eine an und für sich edle und heilige Handlung die Schuld der Verletzung einer sehr erheblichen sittlichen Pflicht auf sich nimmt, denn unter dic erheblichsten sittlichen Pflichten wird allezeit der Gehersam gegen die Gebote, welche rechtmässig erlassen dic Staatsgesellschaft regieren, zu rechnen seyn. Zur sittlichen Pflicht gegen den todten Bruder gehörte bei Antigone nicht noch der stolze und gereizte Ton gegen den beleidigten König, und da diesem Stolz nicht aller Einfluss auf ihr trauriges Geschick abzusprechen ist, so ist sie in Bezichung auf dieses keineswegs vollkommen unschuldig. Hätte sie statt zu handeln, erst den König um Erbarmen für den todten Bruder angefleht, und unerhört von ihm die heilige Pflicht erfüllt, dann aber ohne Stolz und Trotz ruhig hingenommen, was über sie verhängt ward, so würde Kroon unserm Mitleid ferner, Antigone noch näher stchen, aber freilich nicht mehr Antigone mit dem Auflug der Heldenhaftigkeit und der Thatkraft seyn. Grade darin, dass durch die Befolgung einer heiligen Pflicht gegen eine andere Pllicht angestossen wird, liegt ein tragisches Element, und es ist dies einer der ersten Punkte des menschlichen Lebens, wo hinzutretende Leidenschaftlichkeit furcht- bare Geschicke hervorrufen kann. Beide, Antigone und Kreon, sind schuldig durch Unnach- giebigkeit und Stolz, zwei schlechte Berather in den Contlicten und Verwickelungen des mensch- lichen Lebens. Wie klein auch solche Schuld mit schwerer Verschuldung oder mit Verbrechen verglichen scheinen mag, im Sittlichen ist jede Schuld unberechenbar, wodurch eben dic höchste tragische Erschütterung hervorgebracht wird. Grade von dieser Seite gehört die Tragödie Trachi- nierinnen unter die herrlichsten, wie ich in einem kleinen Umriss der Idee dieses Stücks in der Hallischen Allgemeinen Literaturzcitung glaube dargethan zu haben, wiewohl sie Manche für ein schwächeres Product des grossen Dichters gehalten haben, und A. W. Schlegel gar so weit ging, sie in seinen dramatischen Vorlesungen für ein Werk des Jophon zu erklären.