Aufsatz 
Über des Sophokles Antigone
Entstehung
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Ueber des Sophokles Antigone

Konrad Schovenck.

Die ldee dieser Tragödie liegt in der Veranschaulichung schweren Leides, wel- ches hervorgerufen durch den Conflict zweier an sich sittlichen aber mit starrer Unnachgiebigkeit verfolgten Ideen der Religion und Pietät, und des Gehor- sams gegen die Gebote der weltlichen Gewalt beide Theile trifft. Sie ist daher sehr geeignet ernst an das Maas zu mahnen, welches uns Menschen in allen Dingen ziemt, und zu lehren wie schrecklich dem zu enden beschieden sein kann, wer unnachgiebig in leidenschaftlicher Aufregung mit Trotz den von ihm für recht erkannten Weg verfolgt, unbekümmert um die, deren Weg der seinige hemmend und störend durchkreuzt. Noch zur Stunde findet ein analoger Conflict in allen christlichen Reichen statt, wo überall der religiöse Scrupel mit dem Staatsgesetz in Zwiespalt gerathen kann, und wie dies im Grossen möglich ist und geschieht, so ist in vielen Fällen geringerer Verhält- nisse Aehnliches zu finden, wo selbst bei der ehrbarsten Gesinnung das ein- seitige Verfolgen einer Idee zu einer Verhärtuug und Starrheit zu führen vermag, welche im Zusammenstoss mit gleicher Starrheit brechen oder zer- stören muss, wenn nicht, was eben so oft der Fall ist, beide brechen. In diesem Sinne ist die Antigone des Sophokles nicht veraltet und wird nie veralten, wie überhaupt keine Dichtung, welche auf das Reinmenschliche gegründet ist, in ihrer wahren Wesentlichkeit und Form, sondern höchstens in einigen Be- dingungen ihrer äussern Erscheinung veralten kann. Die beiden Charactere, welche in dieser Tragödie in dem verhängnissvollen Conflicte zusammenstossen, sind Antigone und Kreon.

Antigone, deren Character heldenhaft ist, so weit dem Weibe dies zu seyn vergönnt ist, und in deren Adern das stolze Blut des jähhandelnden, unnach-