Aufsatz 
a) Vergleich durch Zahlen zwischen Sonst und Jetzt der Schule. (Veranlaßt durch bekannte Beziehung im November 1847.) b) Ein Philosoph und das heutige Volksschulwesen. c) Das offene Geheimnis des Wormser Schulwesens und dessen Kritik. d) Schwierigkeiten des Wormser Schulwesens. (Aus einem Briefe.)
Entstehung
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mit klarem Bewußtſein ſeiner Aufgabe und mit gründlicher Einſicht in den Geiſt ſeiner Religionslehre, ſeiner Geſchichte, Naturkunde ꝛc. von der Klaſſe der Gelehrten nicht aus⸗ ſchließe, wie groß auch die Beſchränktheit des Umfanges ſeiner Kenntniſſe ſein möchte. So ſehr habe die Gelehrſamkeit ihr Weſen nicht in der Ausdehnung, ſondern in der Tiefe.

Obgleich die preußiſchen Behörden des Gelehrtenſchulweſens ſchon öfter auf die Me⸗ thode der Volksſchule hinwieſen, namentlich darauf, daß dort die Kinder beim Lernen kör⸗ perlich und geiſtig friſch, munter und geſund blieben, ſo klagte doch Dieſterweg noch ganz neulich, wie zu Berlin, in der Metropole der deutſchen Bildung, es ſo viele hohe und ſtolze Schulwürdenträger gebe, welche meinten, mit dem Wiſſen ſei zugleich auch das rechte Lehren verbunden, und welche daher alle Methode und Bemühung, daß die Jugend nicht nur lerne, ſondern auch freudig lerne, kurzer Hand in die Rubrik der ſchul⸗ meiſteriſchen Kleinigkeitskrämerei verwieſen. Aber Dieſterweg kann ſich tröſten. Selbſt der Philologen⸗Verein hat endlich, nachdem er von den Realiſten überflügelt und beſchämt worden, nach langem Widerſtreben eine Section für Lehr⸗Methode gebildet und eingeſehen, daß im J. 1847, da wir auf eignen nationalen Füßen zu ſtehen beginnen, die Cultur⸗ Schätze des Alterthums anders gelehrt werden müſſen als im zweiten und dritten Jahrzehend unſres Jahrhunderts, da wir national bankrott waren und uns bloß mit einem Anlehn der alten Cultur von Sparta und Athen unſer National⸗Leben zu erhalten und zu ſtärken ſuchten. Auch Hr. Oberſchulrath Dr. Friedemann, ein Hauptphilolog, macht in einem der neuſten Hefte der Pädag. Revue Vorſchläge zur Errichtung von practiſchen Lehrer⸗Bildungs⸗ anſtalten, welche die meiſten deutſchen Staaten noch nicht beſitzen. Dieſer Mangel gemahnt aber einen andren Schulmann eben ſo, als wenn man bloß dadurch tüchtige Aerzte bilden wollte, daß man junge Leute in den Naturwiſeenſchaften unterrichtete.

Doch genug hierüber. Wir wollten durch dieſe Notizen die billige Kritik nur aufmerk⸗ ſam machen, daß, wenn ſie bisher am Wormſer Schulweſen noch nicht Alles vollkommen fand, dieß namentlich auch daher kömmt, weil es bei ſeiner Anlage auf Bedingungen rechnete, welche damals noch mehr Sache des Glücks, als der Allgemeinheit waren, und welche erſt die Zeit allgemein reifen und bringen konnte. Die erfindungsreichſte Tadelſucht wird dem Schulweſen der Stadt Worms, wenn ſie ihm auch alles Gute abſpricht, wenigſtens das laſſen müſſen, daß es im Geiſte einer beſſeren Zukunft ſeinen Samen geſäet, ſo daß es die Popularität nicht geſucht hat, ſondern ihr begegnet iſt*), daß es jetzt ärndten kann, da andre Städte noch erſt ſäen müſſen. Ohne Bild: wenn auch Einzeles noch unvoll⸗ kommen ſein ſollte, ſo wird man doch der Idee einige Gerechtigkeit widerfahren laſſen müſſen.

*) Vergl. die Prüfungsſchlußworte: Ueber die Natur und Bedeutung der Gemein⸗Schule mit Beziehung auf die Wünſche der Gegenwart, Worms 1845. 3