Aufsatz 
Die Sprache des Tacitus / von E. Wolff
Entstehung
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und Wendungen wird ſich faſt unbewußt im Verlauf einer reichen Production einſtellen. Tacitus greift nicht nur zu ſonſt ungewöhnlichen, ſpeciell techniſchen und prägnanten Ausdrücken, ſondern er würzt auch ſeine Darſtellung aus dem reichen Sprachſchatz, welchen Poeſie und ſinnige Natur betrachtung ſtets neu ergänzen. Die Bedeutung der gangbarſten Wörter erleidet durch die Auf⸗ nahme zahlreicher Emporkömmlinge mitunter eine Modification, welche nur durch Vergleichung möglichſt vieler Stellen desſelben Autors zu beſtimmen iſt.

Es handelt ſich nun um den Nachweis beſtimmter ſprachlicher Unterſchiede in den einzelnen Werken des Tacitus, welchen Wölfflin geliefert zu haben glaubt. Bei dieſer Erörterung ſind vor allem im Auge zu behalten: der Gegenſtand der Schrift, der Charakter der betr. Stelle und die vermuthliche Beſchaffenheit der benutzten Quellen, deren Einfluß in ſtiliſtiſcher Hinſicht Tacitus ſich am wenigſten in den Annalen entzogen zu haben ſcheint. Auch muß der äußere Umfang der einzelnen Werke mit in Rechnung gezogen werden. Dieſen ſelbſtverſtändlichen Geſichtspunkt hat Wölfflin wiederholt unbeachtet gelaſſen, und nicht zu Gunſten ſeiner Beweisführung. Wenn das mühſame Geſchäft des Aufſuchens, welches nun einmal für dergleichen Abhandlungen unerläßlich iſt, ſich lohnen ſoll, ſo muß das Material auch rationell geſchichtet werden, um eine gute Grund⸗ lage zu bilden. Bloße Inventarverzeichniſſe des Wortſchatzes genügen nicht, um die wuchernden Hypotheſen zu verdrängen, welche ſich auf dem Boden der Textkritik des Tacitus noch immer breit machen. Wir müſſen alſo zunächſt Wölfflin in die Details folgen, um ſeine Angaben auf ihre Richtigkeit zu prüfen.

Philol. 25. S. 97 ſagt W.:Ein ganz anderes Selbſtbewußtſein(als in den früheren Schriften) verräth Tacitus in den Annalen, ein viel gehobeneres als noch in den Hiſtorien, ſchon äußerlich in der Art, wie er von ſich ſpricht. Weiter heißt es dann, daßvon einzelnen Schwan⸗ kungen und verſchiedenen Wendungen abgeſehen, der Autor in den kleineren Schriften überwiegend von ſich im Plural rede, in den Annalen im Singular. Wie ſteht es nun in Wirklichkeit? Im Dialogus um auch dieſe Schrift hier mit in Betracht zu ziehen kommt nur der Sin⸗ gular zur Bezeichnung des Verfaſſers(67 mal) vor, im Agrikola 15 mal der Sing,, die we⸗ nigen Pluralformen im Kapitel 2 u. 3, legimus., dedimus, weiſen auf ein Allgemeines, das römiſche Volk oder die Zeitgenoſſen überhaupt hin, in den beiden letzten Kap. bezeichnet Tacit. durch die Mehrzahl ſich ſammt den andern Hinterbliebenen Agrikolas. Genau dasſelbe Verhältniß zeigt ſich in der Germania: 14 mal der Singular, dagegen die Mehrzahl faſt nur beim Hinweis auf den römiſchen Standpunkt oder bei philoſophiſchen Betrachtungen des Verfaſſers. In den Hiſtorien ſpricht Tacitus von ſich ſelbſt weit häufiger im Plural, doch keineswegs ausſchließlich, denn auf etwa 21 Stellen mit dem Plural kommen 19 mit dem Singular. In den Annalen findet ſich die Mehrzahl in dieſer Anwendung ſehr ſelten, z. B. 1,33. 2,46. 59. 4,32. 33. 71. 6,7. 13,20. 14,64. 15,53.

Wölfflin ſtellt das Verhältniß nicht in das rechte Licht, indem er eine Reihe von Stellen aus den Hiſtorien aufführt, in welchen nur der Plural, und eine gleiche aus den Annalen, worin nur der Singular zur Selbſtbezeichnung des Autors gebraucht iſt. Der von ihm bewieſene Unter⸗ ſchied beſchränkt ſich weſentlich auf den Gebrauch der Formen memoravi und memoravimus;

und es liegt nahe genug, daß die letztere ſchwerfällige Form, wenn auch nicht nur aus dem Princip 1*