Aufsatz 
Die Sprache des Tacitus / von E. Wolff
Entstehung
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Um nun dieſeGeneſis näher zu begründen, geht Wölfflin mit Benutzung einiger Einzel⸗ arbeiten von ſehr verſchiedenem Werthe an die Beleuchtung und Vergleichung einer Reihe von Erſcheinungen, deren Details wir zuerſt näher treten wollen. Die generellen Urtheile über die ſubjective Seite des taciteiſchen Stiles, welche die Lebensſchickſale des Mannes in directe Beziehung zu denStilperioden ſeiner Werke zu ſetzen ſuchen, ſtehen theilweiſe in großem Gegenſatz. Nipper⸗ dey z. B. hebt den Einfluß des Alters und der glücklichen Zeit, welche Tacitus ſeit der Ab⸗ faſſung der Hiſtorien durchlebt hatte, als Erklärung für die Milde im Urtheil(in den Ann.) des Tacitus hervor, welches faſt überall wenigſtens den Schleier der Objectivität trage. Dräger dagegen ſagt:In der ſchrecklichen Zeit unter Domitian.... hat Tacitus das Intereſſe für die claſſiſche Harmonie der Darſtellung verloren, und durch Kürze der Faſſung, durch Neuheit oder Kühnheit des Ausdrucks.... ſucht er dem Inhalte ſeiner Schriften gerecht zu werden. Dieſer innere Proceß, der nicht zur Ruhe gelangt, ſondern ſich ſteigert, läßt ſich bis an den Schluß der Annalen verfolgen. Natürlich hat Nipperdey Recht. Die Hiſtorien, eine Geſchichte jüngſtvergange⸗ ner Zeit, aus lebendiger Quelle geſchöpft, theilweiſe vom Verfaſſer ſelbſt mit erlebt, halten aller⸗ dings im ganzen ein heftigeres Tempo ein als die Annalen. Das haben auch alle Früheren mit Ausnahme Bernhardys anerkannt, wenngleich Haaſe hinzufügt: ac videntur mihi nimii fuisse in indagandis iis, quæ vellent diversa videri in Taciti annalibus et historiis. Man vergleiche übrigens, worauf Wölfflin ſelbſt hinweiſt, die Bruchſtücke von Salluſt's Hiſtorien mit ſeiner Catilinariſchen Verſchwörung, die auch von der Beſchreibung des Jugurthiniſchen Krieges in mancher Hinſicht ſtiliſtiſch verſchieden iſt. Einen gemäßigteren Verlauf in der Rede der Annalen conſtatirt auch Andreſen in ſeiner Unterſuchung über die Wortſtellung bei Tacitus, geſtützt auf beſtimmte Beobachtungen, welche gerade für dieſe Frage von Wichtigkeit ſind. Im Ganzen aber(in uni versum æstumanti) ſcheine ſowohl in den beiden größeren Werken als auch im Agrikola der⸗ ſelbe Tenor zu herrſchen. Germania und der Dialog ſind wie ſtofflich, ſo ſtiliſtiſch ſehr von den übrigen Werken des Tac. verſchieden. Doch ſprechen für die Echtheit der letztgenannten Schrift nicht nur literarhiſtoriſche und innere Gründe(die auf Tacitus deutlich hinweiſenden Ideen des Aper) ſondern auch eine ganze Reihe ſprachlicher Momente. Wir müſſen aber den im Dialog aufgeſtellten Theorien, ſoweit man dieſelben als Ausdruck der wiſſenſchaftlichen und äſthetiſchen Anſichten des Autors betrachten darf, eine um ſo größere Bedeutung für die Beurtheilung der ſog. genetiſchen Entwicklung des taciteiſchen Stiles beimeſſen, weil Tacitus erſt im reifen Mannes⸗ alter ſeine ſchriftſtelleriſche Thätigkeit begann, worauf dann die einzelnen Werke in nicht allzu⸗ großen Pauſen erſchienen. Wir haben uns alſo, ungeachtet der beſcheidenen Entſchuldigungen wegen der rudis vox und Aehnlichem, was im Agrikola zu leſen iſt, unter dem Verfaſſer auch der erſten Schriften einefertige Perſönlichkeit vorzuſtellen, welche nach den gediegenſten philoſophiſch⸗rhe⸗ toriſchen und hiſtoriſchen Studien und gereift in einer denkwürdigen Zeit durch viele Erfahrungen, nach feſtem Plan zu ſchaffen begann.

Was ſtiliſtiſche Einzelheiten anlangt, ſo kann man bei Schriftſtellern aller Zeiten die Be⸗ obachtung machen, daß gewiſſe Wörter und Wortverbindungen allmählig ſelbſt innerhalb desſelben Werkes abnehmen, ſich abnutzen, und daß an ihre Stelle andere treten, die dann mitunter ſchließ⸗ lich wieder den erſteren weichen müſſen. Dieſes Bedürfniß der Beſeitigung abgeſchliffener Formen