Aufsatz 
Des Cornelius Tacitus Gespräch über die Redner übersetzt und erklärt
Entstehung
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Suetonfragment den Dialogus de oratoribus enthielt. Er nahm Abschrift davon und brachte diese mit nach Rom. Hier wurden bald weitere Kopieen angefertigt und zwar, wie durch Kombination aus ihren jüngeren Abzweigungen zu ermitteln ist, offenbar von ganz verschieden beanlagten und unterrichteten Persönlichkeiten. Die eine, des Lateinischen und insbesondere mancher von Henoch oder dessen Schreiber angewandter Abkürzungen unkundig, begnügte sich, die Schriftzüge möglichst genau nachzumalen, während die andere sehr zu Konjekturen und willkürlichen Anderungen neigte, welche zum Teil allerdings das Richtige getroffen, aber auch viel Verwirrung in der Überlieferung an- gerichtet haben. Auf zwei solcher Kopieen, welche ebenso wie die Henochsche Vorlage verschollen sind, gehen die gegenwärtig vorhandenen, erst allmählich aufgetauchten und zur Verwertung gelangten Handschriften zurück. Alle weisen an derselben Stelle(c. 35) eine durch den Verlust mehrerer Blätter der Urhandschrift entstandene Lücke auf, deren Umfang etwa 151o des Ganzen betragen mag.

Der Dialog wurde, der Uberschrift in den Handschriften gemäß, in die erste Tacitusausgabe, Venedig 1470, und in die folgenden unter verschiedenen Titeln, die man seinem Inhalt entsprechend wählte, aufgenommen. Allein bereits in der Baseler Ausgabe 1533 sprach Bilde von Rheinau(Be- atus Rhenanus) Zweifel darüber aus, ob das Werk, des verschiedenen Stils wegen, überhaupt von dem Historiker Tacitus verfaßt sein könne. Später schrieb Justus Lipsius in seiner berühmten Tacitus- ausgabe, die von 1574 ab in Antwerpen wiederholt erschien, folgendes über den Dialog, den er als Incerti scriptoris dialogus de oratoribus sui temporis bezeichnete:»Die Schrift ist ganz vortrefflich in Stil, Erfindung und Geschmack, und ich stehe nicht an, sie in ihrer Art den Werken aus der besten Zeit und vom ersten Rang gleichzustellen, obgleich der Verfasser unbekannt ist.« Lipsius glaubte triftige Gründe gegen die Echtheit zu haben; er fand Schwierigkeiten des Stils und der Chronologie, gegen welche das Zeugnis der jungen Handschriften nicht aufkommen könne. Nachdem er zuerst im Hinblick auf Sprache und Stoff Quintilian für den Urheber gehalten, dessen Schrift de causis corruptae eloquentiae er im Dialog wiedergefunden zu haben glaubte, dann aber, von anderen Bedenken abgesehen, das Lebensalter des Schriftstellers mit dieser Annahme unvereinbar schien, begnügte er sich jetzt mit einem»non liquet«. So wenig nun dieser gediegenste Kenner des Tacitus, der dessen Werke vollständig auswendig wußte, geneigt war, seine Meinung als unfehlbar andern aufzudrängen(aliis nihil praeeo quid sequantur), so war doch sein Urteil für einen großen Teil der Philologen des 17. und 18. Jahrhunderts entscheidend. Nur wenige, vorzugsweise Franzosen, hielten an Tacitus fest, viele der deutschen und niederländischen Gelehrten erklärten sich für Quin- tilian, andere für den»geistreichen Unbekannten«; noch andere rieten später auf den jüngeren Plinius, auf Sueton und gar auf den am Gespräch beteiligten Maternus. Aus manchen Tacitus- ausgaben wurde seitdem der Dialog ausgeschlossen oder mit einem Zusatz wie: qui olim Taciti esse putabatur, aufgenommen. Auch der erste deutsche Ubersetzer des Dialogs, Magister Gottsched(1729) schwankte noch zwischen Tacitus und Quintilian.

Gerade zur Zeit als auch F. A. Wolf seine Autorität gegen Tacitus, freilich ebenso gegen Quintilian und Plinius, in die Wagschale geworfen, begann eine Reaktion gegen diese Richtung zu erwachen, als deren Führer ein Lehrer der Schulpforta, A. G. Lange, auftrat, indem er zunächst, die gegen Tacitus vorgebrachten Gründe, unter denen auch die Frage der Abfassungszeit eine Rolle spielt, glücklich bekämpfte, zugleich aber triftige Beweise für die Autorschaft des Tacitus ins Feld führte. Er fand, wenn auch nicht alsbald es war 18111 doch später Beifall und lebhafte Unterstützung durch eine Reihe von weiteren bis in die neueste Zeit fortgesetzten Forschungen. Die vergleichende Stilistik, unterstützt durch Speziallexika und andere Mittel der neueren Philologie, hat