Des Oornelius Tacitus
Gespräch über die Redner
übersetzt und erklärt von Dr. Eduard Wolff.
Einleitung.
Dio kleine Schrift, welche man gewöhnlich das»Gespräch über die Redner« nennt, hat seit ihrem Bekanntwerden im 15. Jahrhundert das Interesse aller Altertumsfreunde in hohem Maße auf sich gezogen, sowohl durch ihren Inhalt als auch ihrer Form und nicht zum wenigsten des vielum- strittenen Verfassers wegen. Das Werk bietet uns ein lebhaftes farbenreiches Bild von politischen und sozialen Zuständen Roms zur Zeit der Flavier, von litterarischen Strömungen und Gegen- strömungen, an denen der Autor ohne Zweifel in hervorragender Weise beteiligt gewesen ist, eine Skizze, welche andere zeitgenössische Schilderungen trefflich ergünzt und berichtigt. Dazu kommt die sprachgeschichtliche Bedeutung, das Verhältnis des Dialogs zu seinen stilistischen Vorbildern, und in enger Verbindung damit die Frage nach der Herkunft dieser Perle der alten Litteratur, der die Philologen mit unermüdlichem Eifer nachgeforscht haben. Und in der That findet der Dialog fast ungeteilten Beifall selbst bei denjenigen Gelehrten der neueren Zeit, welche die große Bedeutung des Tacitus als Geschichtschreiber nicht anerkennen wollen. H. Schiller z. B. schreibt: ¹)»Unbedingt(?) die vollendetste Schrift des Tacitus ist der Dialogus; sie ist eine wirklich geistvolle Erörterung der Ver- hältnisse der Beredsamkeit in alter und neuer Zeit, zugleich das Programm(?) gewisser Kreise, welche die Erneuerung der ciceronianischen Redeweise anstrebten.... man vermag sich zu freuen an der feinen und sinnigen Auffassung, an der anmutigen Sprache, an der weitgehenden Kenntnis und dem treffenden Urteil, welches über Kunst und Litteratur durchgängig gefällt wird.«
Das Werk ist uns nur durch einen glücklichen Zufall erhalten worden. Nirgends im Alter- tum noch im Mittelalter erwähnt, würde der Dialog selbst, sowie jede Kunde von seiner Existenz völlig verloren gegangen sein, hätte nicht(so lautet die glaubhafte Üperlieferung) um die Mitte des 15. Jahrhunderts der Mönch Henoch aus Ascoli, den Papst Nikolaus V. auf die Suche nach alten Handschriften aussandte, bei seiner Wanderung durch Frankreich und Deutschland auch das Kloster Hersfeld besucht. Dort fand er ein Manuskript, das neben der Germania des Tacitus und einem
¹) Geschichte der römischen Kaiserzeit I, 2. S. 588.— Die Eigenschaft des Historikers spricht S. bekannt- lich,»berühmten Mustern« folgend, seinem älteren Kollegen Tacitus rundweg ab.— Die einfachste und würdigste Antwort auf die Angriffe von jener Seite hat Ranke gegeben, Weltgesch. III. Anal. S. 314. Vgl. auch Teuffel- Schwabe, Geschichte der röm. Litteratur II5.§ 333 ff. Nipperdey-Andresen, Einl. zur Annalenausg. S. 33. Anm.


