Aufsatz 
Des Cornelius Tacitus Gespräch über die Redner übersetzt und erklärt
Entstehung
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inzwischen viele sprachliche Eigentümlichkeiten des Dialogs aufgeklürt, und namentlich hat auch die auf breitere Basis gestellte Textkritik erreicht, daß wenigstens ein Teil jener»Flecken«, welche unange- nehm empfunden wurden, nun auf das Konto der Abschreiber, nicht des Autors gesetzt sind. Gut- mann z. B. ärgerte sich über die alte Lesart c. 40 a. E. nec bonae formam eloquentiae, mit Recht; er würde mit der Emendation: nec bene famam eloquentiae, wohl zufrieden sein. Trot⸗z gewichtiger Gegner wie Gutmann, Bernhardy, Sauppe, Andresen, welche ein»non liquet« in Bezug auf die Autor- schaft des Dialogs befürworten, wird heute von der großen Mehrheit der Gelehrten die Streitfrage als zu Gunsten des Tacitus entschieden betrachtet. Nur hin und wieder macht sich die Skepsis eines Doktoranden im Titel einer Abhandlung geltend, wie: de Dialogo qui Taciti esse existimatur u. a. Auch der neueste italienische Herausgeber L. Valmaggi(Turin 1890) hält die Urheberschaft des Tacitus hauptsächlich aus sprachlichen Gründen, noch nicht für durchaus erwiesen.

Die Annahme, daß Quintilian den Dialog geschrieben haben könne, war bereits zu Anfang dieses Jahrhunderts von einem der kompetentesten Beurteiler(Spalding, in seiner Ausg. der institutio oratoria) nachdrücklich zurückgewiesen worden; und Th. Vogel,¹) welcher vor 10 Jahren in einer gediegenen Abhandlung das Für und Wider nochmals nach allen Seiten erwogen, schien den Fall endgültig erledigt zu haben, obwohl er selbst bemerkte, in solchen philologischen Fragen gebe es gar wunderliche Kreisläufe, daher es nicht unerhört wäre, wenn einmal ein Peil der Gelehrten wieder zu der Ansicht von Joest Lips zurückfiele. Und in der That, der Anfang dazu ist gemacht, wenigstens bei unsern östlichen Nachbarn, wo Herr Robert Noväk gelegentlich seiner Annalenausgabe(Heft 1. 1890 adn. crit.) mitteilt, daß er»in den zwei letzten Jahren sich überzeugt und andere zu über- zeugen versucht habe«, daß der Dialog von Pabius Quintilianus verfaßt sei. Von allen sonstigen sachlichen und chronologischen Widersprüchen abgesehen, ist es glaublich, daß ein Mann von der unbegrenzten Bewunderung für Cicero, wie sie Quintilian in seinem Lehrbuch zeigt, eine mehrfach so scharfe Kritik gegen jenen»Leitstern« aller römischen Redner hätte aussprechen lassen, sei es auch nur durch den Mund Apers? Ich denke nicht, daß Noväk für seine Ausführungen viele Gläubige finden wird.

Wozu aber, wird man vielleicht fragen, ein solcher Aufwand von Fleiß und Gelehrsamkeit seitens der Philologen wegen der Autorschaft der kleinen Schrift? Gewinnt letztere dadurch an Wert und Reiz, daß sie als von Tacitus stammend erwiesen wird? An sachlichem Wert nicht, an Reiz, ja! Denn es ist gewiß von hohem wissenschaftlichem, selbst psychologischem Interesse zu wissen, ob die blühende, elegante Darstellung des Dialogs von demselben Schreibrohr hingeworfen ist, aus welchem die gedankenreichen, knappen Perioden der Annalen und der Germania geflossen sind.

Auf weitere Einzelheiten der litterargeschichtlichen Frage einzugehen fehlt mir hier der Raum, ich beschränke mich auf die fleißige UÜbersicht Weinkauffs ²) und Jansens Abhandlung ³) zu verweisen. Die wichtigsten Momente, welche für des Tacitus Autorschaft sprechen, habe ich in der Einleitung meiner Schulausgabe4) des Dialogs zusammengestellt. In Bezug auf die Abfassungszeit

¹) Fleckeisens Jahrbücher f. Philol. 1881. S. 251 82.

²) Untersuchungen über den Dialog des Tacitus, neue Bearb. Köln 1880.

³) de Tac. Dialogi auctore. Groningen 1878.

*) Corn. Tac. Dialog. de or. Gotha. Perthes 1890. Der Text, wie er dort gestaltet ist, mit etwa 100 Abweichungen von Halms 4. Recens., liegt dieser Übersetzung zu Grunde. Nachträglich berichtige ich dazu, daß die Emendation c. 13,14 omni adul. bereits von Walther vorgeschlagen und von Michaelis aufgenommen war. Für 28,5 praemiorum gebührt Helmreich die Priorität; Blätter für bayer. Gymnas. 1874.