XVII
2. Analyſieren von Sätzen.
Daß beim Analyſieren von Sätzen nicht mit der Aufſuchung des Subjekts(durch die Frageſtellung: wer oder was thut oder leidet etwas? oder: von wem wird etwas ausgeſagt?) zu beginnen iſt, ſondern daß zuerſt das Prädikat aufgeſucht wird, hat Kern(Zuſtand und Gegenſt. S. 1 ff.) ausführlich dar⸗ gelegt und begründet. Gründe rein praktiſcher Art habe ich noch dafür beigebracht in der Ztſchr. f. den deutſch. Unt. II. S. 126 ff. ¹) Hier folge ein weiterer, den ſchon Kern(Zuſt. u. Geg. S. 5) berührt hat. Nehmen wir an, der Satz:„Wichtige Aufſchlüſſe ergab die Unterſuchung nicht“ ſollte zergliedert werden. Schüler, welche gewöhnt ſind, zuerſt das Subjekt mittelſt irgend welcher Frageſtellung aufzuſuchen, werden nicht ſelten, irregeführt durch die Meinung, das Subjekt ſtehe meiſt vor dem Prädikat, wichtige Aufſchlüſſe als Subjekt bezeichnen. Dieſen hilft der Lehrer dann auf den richtigen Weg, indem er ſie auf die Zahlform des Prädikats verweiſt:„Ergab iſt ja ein Singular, und zu dieſem ſingulariſchen Prädikate paßt doch kein pluraliſches Subjekt!“ Gerade dieſer unumgängliche Zwang, in dieſem Falle und in ähnlichen auf das Prädikat vorzugreifen, iſt der beſte Beweis, daß man am ſicherſten fährt, wenn bei der Analyſe des Satzes überhaupt vom Prädikat ausgegangen wird.— Ich erinnere noch an die Schwierigkeit, die das Aufſuchen des Subjektes in einem Relativſatze macht, wie:„Ein Telegramm, welches ſie zwang abzureiſen...“ Ohne daß die Schüler genaueres über den Begriff und das Weſen des Nebenſatzes erfahren, muß doch ſchon im Intereſſe des fremdſprachlichen Unterrichts in Sexta auch die Konſtruktion von Nebenſätzen geübt werden. Geht man dabei vom Prädikat aus, ſo macht das nicht beſondere Schwierigkeiten. Alſo: Prädikat: zwang; wer oder was zwang? welches, näm lich das Telegramm, alſo iſt welches das Subjekt; wen oder was zwang es? ſie, alſo iſt ſie das Accuſativ⸗Objekt u. ſ. w.
Dem fügen ſich nur ſcheinbar nicht Sätze, wie der bei Wilmanns(deutſche Schulgr. Berlin, Parey) Teil 2,§ 138 angeführte:„Seine Poeſie ſind die Seufzer eines gebrochenen Herzens“. Nach Wilmanns iſt das Subjekt„in der Regel das Wort, welches Perſon und Numerus des Verbums beſtimmt“.
¹) Lyon(Ztſchr. II., S. 128 Anm.) erklärt ſich mit dieſem Verfahren nicht einverſtanden, weil es die Gefahr in ſich berge, daß man ſich in eine rein formaliſtiſche Behandlung der Grammatik verliere. Wenn er eine ſolche in meinem Verlangen erblickt, daß„der Schüler bei einem Pronomen gar nicht an den Inhalt deſſelben denken ſoll“, ſo bemerke ich, daß ich ein derartiges Verlangen überhaupt nicht ausgeſprochen habe. Ich habe mich nur dagegen erklärt, beim Konſtruieren eines Satzes mit pronominalem Subjekt auf die Frage: von wem wird etwas ausgeſagt? erſt mit dem Subſtantiv, für welches das Pronomen geſetzt iſt, antworten zu laſſen; ich verlange vielmehr, daß man mit dem thatſächlich im Satze Stehenden, alſo dem Pronomen, antworte, dann aber mag man das Subſtantiv hinzufügen deſſen Vertreter das Pronomen iſt. Das habe ich deutlich geſagt S. 128, vgl. auch S. 130.— Völlig einverſtanden bin ich mit Lyon, daß bei allem gramm. Unterrichte über den Worten der Inhalt derſelben nicht vergeſſen werden darf. Auch würde ich nichts dagegen haben, mit der Auſſuchung des Subjekts zu beginnen, wenn dafür nur eine tadelloſe Frageſtellung vorgeſchlagen würde. Denn Lyon ſelbſt giebt zu, daß die Frage: von wem wird etwas aus⸗ geſagt? dem Schüler von vornherein und durch ſich ſelbſt nicht viel hilft, wenn er ſagt:„Umfangreichere Sätze, wie:„der Fuchs erzählte einmal dem Wolfe von der Stärke des Menſchen“ kann man erſt ſpät zerlegen laſſen, nachdem der Schüler ſchon längſt daran gewöhnt iſt, daß auf die Frage: von wem u. ſ. w. als Antwort die Angabe des Subjekts verlangt wird“. Hier iſt zur Verteidigung und Rechtfertigung der Frage: von wem wird etwas ausgeſagt? gar nichts geſagt, vielmehr erſehe ich aus den Worten Lyons nur, daß eigentlich jede Frage über⸗ flüſſig iſt, und die Schüler das Subj. ohne jede Frageſtellung finden ſollen. Damit bin ich ganz einverſtanden. Dann drängt ſich aber wieder die Frage auf: wie ſoll man denn die Kinder im allererſten Anfange zu dieſer Fertigkeit bringen? Hier kann man äußerliche Handhabungen, die dem Schüler ermöglichen, das, was er dem Inhalte nach verſtanden hat, auch grammatiſch richtig zu zergliedern, nicht entbehren. Und ſo komme ich denn immer wieder zu dem Ausgehen vom Prädikat, als dem einfachſten und richtigſten Verfahren, zurück.


