Aufsatz 
Über die Behandlung einiger Abschnitte der deutschen Grammatik auf der unteren Stufe höherer Lehranstalten / von Ludwig Tachau
Entstehung
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XVI

Lehre, die Lyon für den Unterricht verwendet wiſſen will, wäre nur das eine einzuwenden, daß nicht recht abzuſehen iſt, warum die Schüler auf der unteren und mittleren Stufe mit ſolchen Diſtinktionen geplagt werden ſollen, die doch nur in den oberen Klaſſen volles Verſtändnis finden werden und intereſſant gemacht werden können, den Kleinen aber doch nur noch mehr Plage ſchaffen würden. Denn es iſt gar keine Frage, daß für den Unterricht auf der unteren Stufe einzig und allein richtig iſt, auch zuſammen⸗ geſetzte Zeiten als eine Verbalform faſſen zu laſſen¹); warum ſollte man nun gar Formen einfacher Zeiten der Kopula zu Liebe zergliedern?! Sobald man aber ſo darauf verzichtet, das durch ein Verbum in eiuer einfachen Zeit ausgedrückte Prädikat als aus Prädikativum und Kopula beſtehend analy⸗ ſieren zu laſſen, wird man von einer Kopula überhaupt nicht mehr ſprechen dürfen. In Sätzen wie:der König iſt großmütig, oder:die Mühe iſt umſonſt muß zwar durch ein genaues Verſtändnis des Inhalts der Schüler zu voller Klarheit darüber gebracht werden, daß die volle Ausſage gebildet wird durch die Worteiſt großmütig, bezw.iſt umſonſt(genau ſo wie in dem Satze:die Soldaten kämpften mutig die volle Ausſagekämpften mutig iſt), aber bei der grammatiſchen Zergliederung gilt als Prädikat nuriſt, zu dem in dem einen Fallegroßmütig als Prädikats⸗Nominativ beſtimmend hinzutritt, während in dem anderen Falle die adverbiale Beſtimmungumſonſt hinzugeſetzt iſt. Der beſte Anwalt für die Richtigkeit dieſer Auffaſſung iſt Kern ſelbſt in ſeinen geiſtvollen Aus⸗ einanderſetzungen, auf die ich daher verweiſe.

Der Ausdruck Prädikatsnominativ wäre zunächſt den Kindern klar zu machen durch Gegen⸗ überſtellung des Subjektsnominativs. Dann ſind in Beiſpielen die Verben zu geben, die am häufigſten einen ſolchen Präd.⸗Nom. zu ſich nehmen(ſein, werden, bleiben, heißen, ſcheinen; dazu ſpäter auch andere vgl. Kern, Grundriß d. Satzl.§ 29, Anm. 2). Aus einer großen Reihe von Sätzen wird dann feſtgeſtellt, daß der Prädikatsnominativ ausgedrückt werden kann: a) durch ein Subſtantiv oder deſſen Vertreter, das Pronomen, b) durch ein Adjektiv oder adjektiviſch verwandtes Wort, bezw. eine adiektiviſch gebrauchte Wortverbindung. Das Adjektiv als Präd.⸗Nom. erfordert noch die Bemerkung, daß es in der Regel unverändert iſt, und ſobald das Adverb den Schülern bekannt iſt, ſind ſie an zahlreichen Bei⸗ ſpielen zu üben, dieſes den Präd.⸗Nom. bildende Adjektiv, das ſeiner Form nach jetzt dem Adverb ganz gleich iſt, von dem Adverb zu unterſcheiden. Während man früher ſagte: Das dem Adjektiv gleichlautende Adverb kann nicht bei der Kopula, ſondern nur bei eigentlichen Verben ſtehen, wird man, wie das auch richtiger iſt, vom Satze ausgehen müſſen und durch fortgeſetztes Erfragenlaſſen, ob das betr. Wort Präd.⸗Nom. oder adverbiale Beſtimmung iſt, die Schüler allmählich ſo gewandt machen, daß ſie ohne Mühe Adjektive von Adverbien unterſcheiden können.(Frageſtellung: wie beſchaffen? bezw. auf welche Weiſe?)

Der Vorwurf aber, den Lyon(Ztſchr. I, 89) erhebt, daß nämlich Kern mit ſeiner Lehre das bei der ſogen. Kopula ſtehende Adjektiv ganz gleichſetze mit dem Adverb, iſt, wie eine Vergleichung von Kerns Grundriß§ 29(ſiehe auch deſſelben VerfaſſersLeitfaden für den Anfangsunterricht(Berlin Nicolai 1888)§ 136 und 141) ergiebt, vollkommen grundlos. Offenbar um derartigen Mißverſtändniſſen in Zukunft vorzubeugen, hat Kern wohl auch in dem genanntenLeitfaden§ 140 die Bemerkung hinzugefügt:Zu dem adjektiviſchen Prädikatsnominativ iſt eigentlich ein Subſtantiv hinzuzudenken. Die Roſe iſt ſchön= die Roſe iſt(eine) ſchöne(Roſe) u. ſ. w. Dieſer Wink iſt für den Unterricht, ſobald es gilt, Adjektive von Adverbien unterſcheiden zu lehren, ſehr nützlich.

*) Dafür erklärt ſich auch Kern, zur deutſchen Satzl. S. 105; Zuſt. u. Gegenſt. S. 4.