XI
wenn es ſich darum handelt, aus einem Leſeſtücke, das geleſen und beſprochen worden iſt, die characteriſtiſchen Eigenſchaften der darin vorkommenden Perſonen aufzufinden. Am eheſten kommen ſie damit noch mit Hilfe eines Verbums zu Wege: der und der gönnt dem anderen nichts. Er iſt mißgünſtig treffen ſie in der Regel nicht gleich. Es liegt auf der Hand, daß ſie präciſere Antworten geben können, wenn ihnen aus der Wortfamilie gönnen neben vergönnen, mißgönnen u. ſ. w. auch Gunſt, günſtig und mißgünſtig geläufig ſind.— Das Gleiche gilt von den Adjektiven lüſtern, gehäſſig, ſelbſtſüchtig, erkenntlich, vergeßlich, teilnahmsvoll, lernbegierig, willfährig, verſöhnlich, hoffärtig, langmütig und vielen anderen, deren Gebrauch gewöhnlich den Kindern fernliegt, und für die ſie zumeiſt Umſchreibungen anwenden.
Ein reiches Arbeitsfeld eröffnet ſich ferner, wenn man darauf bedacht iſt, bei Zuſammenſtellung von Wortfamilien beſonders auf Wörter deſſelben Stammes zu achten, die ſich zwar nur unweſentlich durch ihre Endungen, aber gar ſehr durch ihre Bedeutung unterſcheiden. Der Sextaner erfahre alſo von einer gläubigen Gemeinde und einer kaum glaublichen Geſchichte(dazu dann abergläubiſche Leute; die Gläubiger, aber die Gläubigen), wie er wohl ſchon ein kindiſches Gebahren und ein kind⸗ liches Gemüt, ein geiſtliches Amt und geiſtige Vorzüge zu unterſcheiden weiß. Er ſoll wiſſen, daß die Zeitung viel Neuigkeiten bringt, bei dem Kaufmann aber Neuheiten eingetroffen ſind, die man alſo gar nicht„hautes nouveautés“. zu nennen braucht! Er mag lernen, daß etwas zu einer beſtimmten Verrichtung dienlich iſt, daß der Beamte aber dienſtlich verhindert war; daß Herr X. ſtändiger Berater des Fürſten iſt, und daß ein aufſtändiſcher Volksſtamm bekriegt wird u. ſ. w. Er ſoll unterſcheiden können, was man mit einem un nterworfenem Lande, Fürſten u. ſ. w. und mit einem unterwürfigen Menſchen, Diener u. ſ. w. bezeichnet; was ein verdorbener Character, verdorbene Speiſen u. ſ. w. ſind, und was dagegen ein verderblicher Krieg, Umgang u. ſ. w. iſt; was ein günſtiger Zufall, Fahrwind, Gott u. ſ. w. und ein begünſtigter Menſch bedeutet; was ver⸗ worfene Menſchen und verwerfliche Pläne ſind und dergl. mehr. Alles dieſes kann man allerdings auch für ſich und losgelöſt von allen anderen ſtammverwandten Wörtern vorbringen und beſprechen, aber am zwangloſeſten und beſten wird es ſich doch wohl machen bei der Zuſammenſtellung von Wortfamilien, um ſo mehr, als dann nicht nur die eben genannten Ausdrücke zum Verſtändnis gebracht werden, ſondern nebenher noch eine ganze Reihe anderer, unter denen ſich immer wohl einige beſonders bemerkenswerte befinden werden. So z. B. zu werfen außer dem bekannten verwerfen, hinauswerfen, der Wurf, Würfel und den oben berührten verwerflich und verworfen u. ſ. w. auch der Werft= Kette eines Gewebes,(dagegen von einem anderen Stamme das Werft= ein am Waſſer gelegener Platz zum Schiffsbau) und der Worfler(die Worf⸗ oder Wurfſchaufel), ſo daß dann dies Wort, wenn es z. B. ſpäter bei Voß in der Üüberſetzung der Odyſſee XI, 128 begegnet, nichts Auffälliges mehr für den Schüler hat.
Endlich erreicht man mit Bildung ſolcher Wortfamilien, daß der Schüler eine Vorſtellung von dem Reichtum ſeiner Mutterſprache an Wortgebilden bekommt und ſieht, daß man ohne Not ſich kein Wort aus der Fremde zu borgen braucht. Zu den bekannten Ausdrücken: Habſucht, Prunkſucht u. ſ. w. fügt ſich Selbſtſucht ſtatt des fremden Egoismus; zu Hochmut, Übermut, Langmut auch Schwermut und ſchwermütig, dann braucht man die Schüler mit Melancolie und melancoliſch gar nicht zu quälen. 3
2) Man wird bei dieſem Aufſuchen von Wörtern deſſelben Stammes auch Gelkgenheit finden, die Schüler auf das Falſche gewiſſer Zuſammenſetzungen und Ableitungen, die in der örtlichen Umgangsſprache zwar beliebt, der Schriftſprache dagegen fremd ſind, aufmerkſam zu machen. Man kann ſicher darauf rechnen, daß, wenn die Wortfamilie reißen zuſammengeſtellt wird, ſich noch Schüler finden werden, die,


