Aufsatz 
Über die Behandlung einiger Abschnitte der deutschen Grammatik auf der unteren Stufe höherer Lehranstalten / von Ludwig Tachau
Entstehung
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IX

nach wenig Abwechslung bieten, alſo nicht gerade ſehr intereſſant ſind. Ganz anders iſt das, wenn man eineFamilie wählt, wie etwa die zu winden gehörige:

auf⸗, ab-, los⸗, um-, ver⸗, überwinden u. ſ. w.; die Winde, Windung, Windel, Überwindung u. ſ. w.; Garn- winde, Fluß⸗, Schlangenwindung, Blumengewinde, windſchief(= gewunden ſchief, ſchief gezogen) u. ſ. w.; wenden, an⸗, auf⸗, zu⸗, weg⸗, ein⸗, hin⸗, ver⸗, vorwenden u. ſ. w.; die Wende, Wendung, Ab⸗, Anwendung, Bratenwender, Wendekreis, Sonnenwende, Wendeltreppe u. ſ. w.; notwendig, wetterwendiſch; gewandt, verw andt, blutsverwandt, Anverwandte u. ſ. w.; die Wand(= die Stelle, wo ſich etwas wendet), Felswand, Scheidewand, Wandſchrank, ⸗karte, ⸗uhr, u. ſ. w.; das Gewand(=Tuch zum Umwinden des Körpers), das Gewandhaus, der Gewandſchneider (= Tuchhändler, der Tuch im kleinen verkauft, ellenweiſe ausſchneidet), in⸗, auswendig u. ſ. w.; wandern, aus⸗, einwandern, Wanderung, Wanderſchaſt, Wanderluſt, Wanderjahr, ⸗leben, Wandersburſch, ⸗mann, Wanderſtab, bewandert; wandeln, an⸗, ver⸗, abwandeln, wandelbar, luſtwandeln u. ſ. w.; Lebenswandel, Wandelbahn, Wandlung, wandelbar u. ſ. w.; wund(= zum umwinden, verbinden verletzt), die Wunde, verwunden, die Verwundung, Wundarzt, fieber, Brand⸗, Schußwunde, u. ſ. w.; umwunden, unumwunden u. ſ. w. u. ſ. w.

Zu ſitzen zählt Bauer in ſeiner Grammatik§ 100 über 130 Wortgebilde auf, zu ſp rechen faſt ebenſoviel, und ſo haben die meiſten ſogen. ſtarken Verben ſehr anſehnliche Wortfamilien, die ſo recht zeigen welche reiche Menge von Wörtern, die auf den erſten Blick gar nicht verwandt zu ſein ſcheinen, auf dieſelbe Wurzel zurückgehen. Es käme alſo in der Hauptſache darauf an, den Schülern die dieſen Verben innewohnende Kraft der Wortbildung vorzuführen ¹). Aber auch an Nomina laſſen ſich intereſſante Wortfamilien anſchließen 3. B. Mann, Mannſchaft männlich, mannbar, bemannen, ermannen, Beman⸗ nung; jemand, jedermann, niemand, mannigfaltig, mancher; Menſch u. ſ. w., u. ſ. w.; oder zur Wurzel zwi: zwei, entzweien, Zweifel, Zwillich, Zwieback, Zwieſpalt u. ſ. w.; Zwirn, zwiſchen, Zwiſt, Zwitter, zwölf, zwanzig u. ſ. w., u. ſ. w. Dieſen beiden möchte ich noch den Hinweis auf die äußerſt intereſſante Familie zu(ge)bäre hinzufügen ²), um anzudeuten, wie derartige Üübungen für mittlere und obere Klaſſen herangezogen werden können. Denn für die untere Stufe eignen ſich ſelbſtverſtändlich die beiden letzteren nicht; hier iſt alles gelehrte Sprachwiſſenſchaftliche, ſo weit es nur durch eine genauere Kenntnis der Lautlehre verſtanden werden kann, ganz und gar auszuſchließen. Ja man wird in VI und V oft gar nicht weiter auf die Wurzel zurückgehen, ſondern eine Reihe ſtammver⸗ wandter Wörter bloß um ihrer ſelbſt willen zuſammenſuchen laſſen. Das mag zwar auf den erſten Blick etwas gar zu gewöhnlich und wenig nutzbringend erſcheinen; aber ſelbſt wenn es nur eine angenehme Abwechslung in dem oft ermüdenden Betriebe der Gammatik wäre, es erregt doch unſtreitig das Intereſſe des Schülers in hohem Grade. Ja, verſucht man nur einmal, ſolche Wortfamilien zuſammen⸗ ſtellen zu laſſen, ſo wird man über den regen Wetteifer der Schüler, die dahin gehörigen Wörter zuſammen⸗ zutragen, ſtaunen ³). Dann ſehen ſie doch auch ſo recht, worin eigentlich die Stärke dieſer ſog. ſtarken Verben beruht: ſie haben die Ablautbildung gegenüber ausſchließlicher L a utbildung bei den meiſten ſchwachen Verben(z. B. nähen, neigen, ſagen, zünden, u. ſ. w.)

In der That aber kann dieſe Übung recht nutzbringend geſtaltet werden. Ich bemerke zuvor, daß hier von einer ſyſtematiſchen Durchnahme ſolcher Wortfamilien natürlich keine Rede ſein kann: man

¹) Wo das Verſtändnis reicht, iſt der Schüler auch auf dieſen Vorzug der deutſchen Sprache gegenüber der franzöſ. zu verweiſen; z. B. ſpringen ſprengen= sauter faire sauter; trinken tränken= boire faire boire oder donner à boire.

²) Vgl. Bauer, Grammatik S. 98.

²) Dabei mögen auch Fehler unterlaufen, die durch trügeriſche Verwandtſchaft veranlaßt werden, wie ja Leu⸗ mund(= die laute, öffentliche Meinung von jemand) und Mund, täuſchen und tauſchen, durchbleuen und blau nichts mit einander zu thun haben. Dies giebt dann erwünſchten Anlaß zur Berichtigung und Aufklärung.