Aufsatz 
Über die Behandlung einiger Abschnitte der deutschen Grammatik auf der unteren Stufe höherer Lehranstalten / von Ludwig Tachau
Entstehung
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VII

Kritik des in den Schulgrammatiken Gelehrten ſich findet, ſowie daß die Vorſchläge Kerns berückſichtigt und, ſoweit ſie im Unterrichte verwendbar ſind, empfohlen werden.

Der mir zur Verfügung ſtehende Raum erlaubt nicht, alle Punkte des Penſums der Sexta und Ouinta durchzuſprechen; es konnten im folgenden daher nur einige Abſchnitte, die mir beſonders wichtig erſchienen ſind, ausgewählt werden.

I. Zur Wortbildungslehre.

Ich ſtelle einige Bemerkungen über die Behandlung der Wortbildungslehre an den Anfang, weil im allgemeinen dieſem Kapitel im Unterrichte auf höheren Schulen recht wenig oder doch nur ſehr neben⸗ ſächliche Beachtung geſchenkt zu werden ſcheint. Das hat auch z. B. Krauſe in ſeiner hochdeutſchen Sprachlehre(Stade. Fr. Steudel) einem bei all ſeiner Anſpruchsloſigkeit recht empfehlenswerten Büchlein geradezu gebilligt, indem er ſchreibt:Die Lehre von der Wortbildung iſt, als für den praktiſchen Gebrauch zurücktretend, in einen kurz gedrängten Anhang verwieſen.(Vorwort, S. VI.) Allerdings man muß zugeben, daß nicht recht einzuſehen iſt, wozu man ſich damit aufhalten ſoll, eines langen und breiten zu erklären, daß die Nachſilbe in bei Subſtantiven zur Bildungweiblicher handelnder Perſonennamen dient, ¹) oder daßdie Endungen chen und lein das Kleine, Angenehme, Zärtliche bedeuten, oder endlich daß wichtige Vorſilben zur Bildung abgeleiteter Subſtantive ant, erz, miß, ur, un, u. ſ. w. ſind? Das ſind doch, da man auf der unteren Stufe eine wiſſenſchaftliche Behandlung Zurückgehen auf die Wurzel und Erklärung der einzelnen Veränderungen derſelben ausſchließen muß, ſelbſtverſtändliche Dinge, die man einmal erwähnen, aber nicht umſtändlich behandeln und einprägen wird, denn ſie belaſten nur das Gedächtnis des Schülers, ohne ihn eigentlich zu fördern! Mehr praktiſchen Wert hat es ſchon, wenn man lehrt, daß Subſtantive auf heit, keit, ſchaft, tum Abſtrakta ſind, oder daß die Vorſilbe ge oft zur Bildung von Sammelnamen verwandt wird. Am eheſten wird man wohl im Intereſſe der Orthographie auf einige ſolcher Vorſilben und Endungen aufmerkſam machen (Verrat, Urſprung, Mißmut u. ſ. w.) und am ausführlichſten bei der Bildung und Schreibweiſe der Adjektiva auf ig und lich verweilen. Die Einprägung der Orthographie von Wörtern wie heil⸗ig, winkl⸗ig, aber freund⸗lich, ſchreck⸗lich, hand⸗lich(mit Rückſicht auf die Regel: Mit g ſchreibt man Adjektive mit der Nachſilbe ig, mit ch diejenigen mit der Nachſilbe lich) giebt ja auch genügenden Anlaß zur Erklärung und Einübung der Begriffe: Stamm, Vorſilbe, Nachſilbe, zur Unterſcheidung von Sprech⸗ und Sprachſilben u. ſ. w.; auch ſonſt wird man gelegentlich auf Endungen und Ableitungsſilben hinweiſen, und damit könnte man eigentlich ggauben, dem Nötigſten der Wortbildung, ſo⸗ weit es in den unteren Klaſſen gewußt werden muß, gerecht geworden zu ſein. Aufgaben, wie man ſie in Üübungsbüchern oft für Sextaner beſtimmt findet:Suche 10 Subſtantive mit der Endung in, ung, nis; mit den Vorſilben ant, ur u. ſ. w., oder:Bilde aus folgenden Subſtantiven durch Ab⸗ leitung Adjektive mit der Endung ig: Kraft Mut u. ſ. w., haben denn auch meiner Meinung nach auf dieſer Stufe keinen großen Wert. Was erreicht man damit? Doch nur, daß der Schüler aus dem ihm gerade geläufigen Wortvorrate, einige hierhergehörige Wörter auf gut Glück zuſammenſucht, oder mechaniſch jene Ableitungen von den ihm gegebenen Subſtantiven mit den ebenfalls gegebenen Silben

²) Man wird das höchſtens einmal dazu benutzen, um auseinanderzuſetzen, daß ſich die Frau eines Doctors, falls ſie nicht wirklich ſelbſt den Beruf eines Doctors ausübt, nicht Frau Doctor in heißt, ſondern Frau Doctor. So bei allen Titeln: alſo nicht Frau Rätin, Frau Generalin u. ſ. w.