Aufsatz 
Über Erziehung der Jugend durch Schule und Haus
Entstehung
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VI

daß der Lehrer bei irgend einer Gelegenheit den früher begangenen Fehler des Schülers in guter Absicht wieder hervorgehoben hat, was allerdings nur bei ganz zwingenden Gründen geschehen wird; denn der Lehrer muß Kindern gegenüber, die sich leicht einmal vergehen können, noch mehr als gegen Erwachsene dasVergeben und Vergessen anwenden und darf ihnen den Weg zur dauernden Besserung nicht verschließen.

Andererseits dürfen aber Eltern die Kinder, die wegen wiederholter Vernachlässigung Strafe verdienen, nicht in der Anschauung unterstützen, daß solche Strafen mit früheren ernsteren Rügen im Zusammenhang ständen; sie müssen vielmehr in der entschiedensten Weise auf Besserung hinwirken und alle darauf abzielenden Maßnahmen der Schule that- kräftig unterstützen.

Ein Mangel an Vertrauen ganz besonderer Art tritt oft in folgender Form auf: Der Vater oder die Mutter unterbreiten dem Direktor Klagen über einen Lehrer, bitten aber dringend, ihren Namen nicht zu nennen, weil ihr Kind Schaden darunter leiden könnte. Hierin liegt zunächst eine Ungerechtigkeit gegen den Lehrer, der als Beschuldigter sich dem Klaäger gegenüber nicht verteidigen kann, und dann berührt die bloße Annahme, der Lehrer könnte ein Kind wegen einer ihm zugefügten Kränkung leiden lassen, im höchsten Grade peinlich. Das ist also ein unwürdiger Zustand! Der Lehrer ist aber um so mehr verpflichtet, solchen Schülern seine besondere Sorgsamkeit zuzuwenden und jeden Schein einer Unbilligkeit zu meiden, als er mit diesen leider vielfach unter den Eltern verbreiteten Anschauungen zu rechnen hat. Ich suche solchen Eltern den Mut einzuflößen, sich mit dem verdächtigten Lehrer selbst in aller Ruhe und Besonnenheit auszusprechen, wobei es sich in besonderen Fällen empfiehlt, den Schüler auf Wunsch des Lehrers hinzuzuziehen und ihm in freundlicher Weise darzulegen, welches Unrecht er begeht, wenn er über seinen Lehrer und Erzieher so niedrig denkt. Viele Eltern sind meinem Rate gefolgt und haben mit den Herren Kollegen selbst verhandelt, und diesen war solche Aussprache um so erwünschter, als manche Kinder wirklich eine unglückselige Einbildungskraft besitzen und den Ihrigen oft die sonderbarsten Märchen auftischen. Andere Kinder zeigen ein so irre geleitetes, übertriebenes Ehrgefühl, daß sich die vereinte Autorität des Hauses und der Schule hier- gegen wenden muß, um schlimmeren Ausbrüchen bei Zeiten vorzubeugen. Sollte die Aus- einandersetzung mit dem Lehrer zu keinem Ergebnis führen, so hätte dann erst die Vermittlung durch den Leiter zu erfolgen.

Bei solchen Besprechungen lernt der Vater oft selbst seinen Sohn genauer kennen; denn manche Eigenarten, die dieser in der Schule äußert, und die bisweilen nur dort im Zusammenleben mit seinen Mitschülern ausgeprägt hervortreten, bleiben den Eltern un- bekannt. Außerdem zeigen sich die Söhne, die der Vater nur kurze Zeit des Tages, ja meist nur während den Hauptmahlzeiten sieht, in seiner Gegenwart oft weit liebenswürdiger als während ihres Aufenthalts in der Schule. Ich habe durch mancherlei Beobachtungen den Eindruck gewonnen, als verlören viele Väter bei der Hetzjagd, die ihr Beruf mit sich bringt, die engere Fühlung mit ihren Söhnen, um deren weitere Entwickelung sie sich zum Schaden der Kinder oft nur allzuwenig bekümmern können.

Wir haben die Einrichtung, daß in der ersten Woche jedes Monats in den Klassen VI bis IIz die Schulhefte den Vàätern zur Unterschrift vorgelegt werden. Die Vater wissen dies, brauchten sich also nur nach den Heften zu erkundigen und somit auch ihr Interesse hieran den Kindern zu zeigen. Daß dies indessen nicht immer geschieht, beweist der Um-