V ergangen ist,— nun so wird der Lehrer sich nicht auf den hohen Stuhl unfehlbaren Rechtes setzen, sondern als ein dem Irren und Fehlen ebenso wie Du ausgesetzter Mensch seinen Fehler einsehen, ja sich nicht scheuen, zu dem Kinde herabzusteigen und ihm Genugthuung zu gewähren. Denn Offenheit und Ehrlichkeit ist das Erste, was man vom Jugenderzieher verlangt, und bei aller Machtvollkommenheit, die er in der Schule stets zu äußern in der Lage ist, darf er doch nicht der Unnahbare sein, sondern muß sich auf den Standpunkt der Jugend versetzen können und überzeugt sein, daß diese ihn um so mehr ehren und lieben wird, je mehr er sich in ihr Fühlen und Denken hineinzuleben weits. Und nichts schätzt ein Schüler mehr, als wenn auch der Lehrer ihm gegenüber ein Versehen wieder auszugleichen sucht, womit seiner Würde nicht das Geringste vergeben wird!
Und dann denke daran, lieber Vater, begehst Du nicht auch Fehler in Deinem Be- rufe? Du hast aber das Glück, nicht von 40 Jungen beobachtet und kritisiert zu werden; Du kannst den Fehler weit weniger auffällig abmachen! Wie schwer hat es aber der Lehrer, der mit so vielen Faktoren beim Erfolge seiner Arbeit zu rechnen hat, bei dem eine in jeder Hinsicht gut erteilte Unterrichtsstunde eine wesentlich höhere Summe von Arbeit darstellt, als der Laie irgendwie zu beurteilen vermag. Ja, leider wird die außerordentliche An- strengung, der sich ein tüchtiger Lehrer in täglich vierstündiger ernster Arbeit unterziehen muß, allgemein bei weitem unterschätzt, und oft hört man abfällige Bemerkungen über die geringe Zahl von Stunden, die er zu erteilen hat. Ganz abgesehen davon, daß diese Zahl in dem Kraftaufwand, den sie in sich schliefßt, gar nicht mit der Arbeit der meisten andern Stände, nach der Stundenzahl gerechnet, verglichen werden kann, so ist noch die weiter hin- zukommende Arbeit in Betracht zu ziehen: Die Vorbereitung für jede Unterrichtsstunde, wie sie jeder pflichtgetreue Lehrer regelmäßig und gewissenhaft vorzunehmen hat, die zeitraubenden Korrekturen, die den Lehrern wöchentlich 12 bis 20 Stunden kosten, die Ordinariatsgeschäfte, die Schulaufsichten, die Mitarbeit an den Konferenzen, die zahlreichen Vertretungsstunden für erkrankte Kollegen, die Verwaltung von Sammlungen und manche Arbeit, die nebenher geht und zum regelrechten Schulbetriebe gehört, aber weder Schülern noch Eltern bekannt ist. Dazu kommt die Pflicht jedes strebsamen Lehrers, sich bei der unaufhaltsam vorwärtsschreiten- den Wissenschaft wenigstens einigermaßen auf dem Laufenden zu erhalten, sich methodisch weiter auszubilden und seinen Unterricht mehr und mehr zu vertiefen! Nun bedenkt, liebe Eltern, die Summe all dieser gewissenhaft vollführten Arbeit, bedenkt, daß auch Ihr leicht in Eurem Berufe erregt werdet, und daß ebenso der Lehrer in seinem Bemühen,-die ungleich gearteten und verschieden befähigten Kinder vorwärts zu bringen, durch die Hemmnisse, die er überall sieht, leicht einmal als ein Mensch von gleichem Fleisch und Blut wie Ihr außer Fassung geraten und wohl sogar übereilt sprechen und handeln kann,— und so werdet auch Ihr gerechter und milder in der Beurteilung der Arbeit des Lehrers sein und auch in kleinen Mißgriffen nicht immer die böse Absicht des Lehrers vermuten und eine Schädigung Eurer Kinder erblicken!
Geradezu bedrückend aber wirkt der Vorwurf,„der Lehrer habe etwas“ gegen diesen oder jenen Schüler, der sich einmal etwas Ernstliches hat zu Schulden kommen lassen! Glaubt der Schüler, der sich eifrig bemüht, seinen Fehler wieder gut zu machen, zu solchem Vorwurf Anlaß zu haben, so ist es Pflicht des Vaters, sofort mit dem betreffenden Lehrer in Verbindung zu treten und der Beschuldigung des Schülers auf den Grund zu gehen. Meist wird es sich da herausstellen, daß der Schüler selbst Vorurteile gegen den Lehrer hegt, oder


