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Schulzeit an den beiden alten Sprachen ſein Denken, nicht nur an demn Bau der Sprachen, ſondern ganz beſonders an ihrem Geiſte;— im weiteren Vorſchreiten auf der Oberſtufe an allen möglichen Problemen, an demn Erfaſſen abſtrakter, philoſophiſcher Begriffe, dem Verſtehenlernen mannigfaltiger Kunſtformen, der Bewertung wiſſenſchaſtlicher Theorien; und wie der Stahl das Meſſer, ſo ſchärſt dieſe Beſchäftigung ſeinen Verſtand.
Zugleich bietet aber das Altertum ſehr wertvolle Analogien zu den menſchlichen Verhältniflen der Gegenwart. So fordern z. B. die ſozialen Verhältniſſe des Alter- tums geradezu zu Vergleichen mit der Gegenwart heraus. Da das Leben und Weſen des griechiſchen und römiſchen Volkes in abgeſchloſſener Entwickelung vorliegt, ſo befähigt es den, der es kennen lernt, lich leichter in der Gegenwart zurecht zu finden.
Solange das Gymnalium dieſe ihm geſtellten Aufgaben erfüllt, kann es ihm an An- erkennung nicht fehlen.«Wir Lehrer»— ſo ſchloß der Redner—«werden unſere Kräfte freudig in den Dienſt der Sache ſtellen und mit gehobenem Mute in den neuen ſchönen Räumen unſere Pflicht zu erfüllen ſuchen. Euch aber, liebe Schüler, fordere ich zum Mit- gehen auf dieſem Wege und zum Mitarbeiten an unſerm Werke herzlich auf. Alles, was ihr euch in euerer Schulzeit erarbeitet, wird euch ſelbſt im Leben die ſchönſten Früchte bringen. Es wird euch fördern in jedem Studium, in jedem Berufe, den ihr erwählt. An einem Dresdener Gymnalium iſt der Spruch angeſchrieben: Euer Lebeniſt eine Ritterſchaft— fürwahr ein bedeutungsvoller Hinweis für den ins Leben hinaustretenden Jüngling! Die Erziehung zu Rittern des Geiſtes wird euch in der Schule zu teil. Wenn euch manchmal die Forderungen der Schule ſchwer erſcheinen, ſo denkt, daß die Edel- knaben und Knappen auch keinen leichten Dienſt hatten. Denkt an das alte Wort:„Iyο doerijs Ioꝑνα dε πτισοπαςσοοαεεωνιενννυαυν mάκDet Segen iſt der Mühe Preis!e Und«Nur der verdient ſich Freiheit wie das Leben, Der täglich lie erobern mußle So ſei euer Leben eine Ritterſchaft! Laßt euch hier zu Rittern des Geiſtes erziehen und betätigt euch draußen im Leben als Ritter des deutſchen, chriſtlichen und wilfen- ſchaftlichen Geiſtes!
Möge der Geiſtwahrer Menſchlichkeit in dieſen herrlichen Räumen, in die wir heute einziehen, für immer eine Stätte haben, möge dieſer Geiſt ſtets Lehrer und Schüler zu treuer Arbeit vereinen, zum Wohle der Stadt und des Staates, zum Segen des Vaterlands! Das walte Gottlo.
Hierauf ſprach Bürgermeiſter Dr. Dullo im MNamen der Stadt ſeine Glückwünſche aus. Er knüpfte an die Ausführungen des Miniſters bezüglich der langjährigen Verhandlungen an, ehe der Bau zuſtande gekommen ſei. Um ſo größter aber ſei die Freude der Stadt, wenn man als Ergebnis dieſer langenVerhandlungen heute den ſtattlichen Bauvor ſich ſehe. Esliege auf der Hand, daß eine Stadt wie Offenbach zunächſt darauf bedacht ſein müſtte, ihren Kindern eine reale und auf das Praktiſche gerichtete Bildung zu geben; ſollen doch aus dieſer Schule Leute hervorgehen, die in der Induſtrie ihren Mann ſtellen. Man danke umſomehr der Staatsregierung, daß lie durch ihr Eintreten es ermöglicht hat, daß wir neben der Realſchule auch ein humaniſtiſches Gymnalium haben. Denn erſt aus der Verbindung beider Anſtalten erſprießt das rechte Wohlfür die Stadt und das Land. Aus der Verbindung des realiſtiſchen und idealiſtiſchen Geiſtes entwickelt ſich der Geiſt der modernen Zeit, der raſtlos vorwärts ſtrebt. Der Redner verbreitete lich alsdann über die modernen Naturwiſſenſchaften und ihre Entwicklungen und brachte den Wunſch zum Ausdruck, daß das Gymnaſium nach der Uebergabe das Ziel erfüllen möge, Menſchen im edelſten Sinne zu erziehen und auszubilden, die weit um lich greifen und


