Aufsatz 
Der Neubau des Gymnasiums zu Offenbach a.M. Vom Großhezogl. Bauinspektor Reuling
Entstehung
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Geiſtesbildung einzuführen haben, ſo ſteht doch feſt, daß der Weg zu einem tieferen Verſtändnis der deutſchen Kultur über Hellas und Rom führt. Denn die deutſche Kultur iſt nicht aus ſich ſelbſt heraus als ſolche erwachſen, ſie ſtellt nicht einfach die Ent- wickelung der Bildungskeime dar, die unſere germaniſchen Vorfahren in grauer Vorzeit belaſten, ſondern ſie hat erſt durch die Berührung mit Hellas und Romn den Anſtoß erhalten, der ſie nach aufwärts drängte. Die Perioden des mächtigen Einfluſſes griechiſch-römiſcher Kultur die Zeitendes Vordringensder Römerin Deutſchland, der Ausbreitung des Chriſten- tums, der Völkerwanderung, der Renaillance, die Zeiten Winckelmanns und Lellings, Schillers und Goethes ſind in dieſer Hinſicht beweiſend.(DerRedner führt dies näher aus.)

Die Zeit der Renaiſfance, der Neubelebung aller Wiſſenſchaſten, iſt die Geburtszeit des humaniſtiſchen Gymnaſiums. Damals iſt ihm die Aufgabe geſtellt worden, die es heute noch zu erfüllen hat, den Zulammenhang der Gegenwart mit der Ver- gangenheit feſtzuhalten, feine Schüler in der lateiniſchen und griechiſchen Sprache zu unterrichten und durch die Lektüre der lateinilchen und griechi- [chen Klafliker in das Verſtändnis der antiken Kultur einzuführen. Während wir dieſem Ziele zuſtreben, arbeiten wir zugleich an der Erfüllung zweier gerechter For- derungen, die an eine höhere Schule, zumal an das Gymnaſium, zu ſtellen ſind, unſere Schüler zu willenlchaftlichem Denken und Arbeiten anzuleiten und ſie mit einem tauglichen Rüſtzeug zu verſehen, ſich in den menſchlichen Verhältniffen der Gegenwart zurechtzufinden..

Der große, leider zu früh verſtorbene Pädagoge Paulſen hat vor einigen Jahren in einem Vortrage, den er in Darmſtadt gehalten, von den deutſchen höheren Schulen geſagt:«ihr Gedeihen hängt daran, daß ſie an dem Prinzip, worauf ſie gegründet find, feſthalten und es immervollkommenerverwirklichen. Für die deutſche Gelehrtenſchule be- deutet das: feſthalten und immer vollkommener durchführen die Erziehung der Schüler zu felbſtändiger Denkarbeit. Nicht um ein bloßes Abrichten für einen nächſten Zweck, ſondern darum handelt es fich, daſt der Schüler auf irgend einem Felde arbeiten, ſelbſt ſehen, unterſuchen, lich Fragen ſtellen und beantworten lernt.» Das Gymnalium ſtellt alle Unterrichtsfächer in den Dienſt dieler Aufgabe. Aber durch den Unterricht in den alten Sprachen iſt es in die Lage verſetzt, dieſe Aufgabe mächtig zu fördern. Die alten Sprachen haben in dieſer Hinficht etwas vor den neueren voraus.«Keine andere Spraches, fagt Harnackê,«kommt als Schule des Denkens dem Zweipaar der lateiniſchen und griechifchen Sprache gleich. Sprachen lind nicht nur Scheiden, in denen das Melſler des Geiſtes ſteckt, ſondern die Sprache iſt auch ſelbſt der Geiſt. Aber Sprache und Sprache iſt nicht dasſelbe. Zwar verleiht jede Sprache, die wir lernen, un- ſerm Geiſte aufs neue Bieglamkeit und Schärfe, aber nicht jede in dem gleichen Maſte. Wir lind der wohlerwogenen und bisher durch nichts widerlegten Überzeugung, daßt die Grammatik der alten Sprachen in ihrer Kraftwirkung und ihrem Bildungswerte durch keine moderne Sprache erſetzt oder erreicht wirds. Am Lateiniſchen wird der Sextaner in das Abe wiſſenſchaftlicher Erkenntnis eingeführt.«Das Lateiniſchev, ſagt Oskar läger, aiſt das zentrale Fach, an welchem der Knabe die wilſſenſchaſtliche, d. h. die erkenntnis- ſchaffende Arbeit um ihrer ſelbſt willen kennen und üben lernen ſolly. Während ſeiner ganzen Schulzeit übt der Gymnaſiaſt an dem Lateiniſchen, während zwei Drittel ſeiner

Vergl. auſter der angeführten Schrift v. Harnack auch G. Roethe Humaniſtiſche u. nationale Bildung, Berlin 1906.

2Fr. Paulfen Die höheren Schulen Deutſchlands und ihr Lehrerſtand, Braunſchweig 1904, S. 15. s Harnac in der angeführten Schrift S. 10. 40O. Iäger Lehrkunſt und Lehrhandwerk, Wiesbaden 1001, S. 22.

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