Aufsatz 
Der Neubau des Gymnasiums zu Offenbach a.M. Vom Großhezogl. Bauinspektor Reuling
Entstehung
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dem noch vorhandenen Kaufbriefe heißt,«angefangenen und bloßerdings in ſeinen vier Wänden ſtehenden, zu einer neuen Glashütten zwar gewidmeten, aber etwas zu klein gefallenen ſteinernen Bau ſamt darauf liegendem Gehõölz.» Dieſes Gebäude wurde das Schulhaus der Lateiniſchen Schule und hieß viele Jahrzehnte hindurch bis im vorigen Jahr- hundert«Lateiniſches Schulhaus». Ein Vergleich zwiſchen damals und heute, dem urſprünglich für einen ganz anderen Zweck beſtimmten Lateiniſchen Schulhaus und dem jetzigen, nach zielbewußtem Plane gebauten Gyrmnnaſium, drängt ſich von ſelbſt auf. Doch wenn auch die Verhältniſſe vor 200 Jahren eng undklein waren, der Lateiniſchen Schule muß nachgerühmtwerden, daß ſietrotzvieler Anfechtungen und Kämpfe 1435 Jahre lang in Offen- bachununterbrochenbeſtandenundingutenundſchlimmen Zeitenſegensreichgewirkthat.¹

Aks ſie 1834 fallen mußte, geſchah dies nicht deswegen, weil kein Bedürfnis mehr nach Gyrnnaſialbildung in Offenbach vorhanden geweſen wäre, ſondern weil ſich ein noch ſtärkeres Bedürfnis geltend machte, eine Realſchule zu errichten, während für zwei höhere Schulen zu jener Zeit kein Raum und kein Geld zur Verfügung ſtand. Als die Zeiten ſich änderten, wurde dem niemals aus Offenbach entſchwundenen Wunſche, eine Lateinſchule zu belitzen, zuerſt durch Errichtung des Realgymnaliums anfangs der 7oer Jahre und 1888

durch die Umwandlung des Realgymnaſiunms in ein Gymnaſium Rechnung getragen. Mit einem gewilſen hiſtoriſchen Rechte können wir das letztere als eine Fortſetzung der alten Lateiniſchen Schule bezeichnen und die Wirklamkeit des Gymnaſiums in Offenbach im ganzen auf 164 Jahre bemelſſen.

Soviel von der Vergangenheit. Welches wird die Zukunft des Gymnaſiums ſein? Ganz gewiß geht es einer ſchönen Zukunft entgegen, wenn ihm die Gunſt von Staat und Stadt, die ihm gegenwärtig zuteil wird, erhalten bleibt, wenn die Bürgerſchaft Offenbachs dem Gymnalium auch fernerhin die Sympathie entgegenbringt, die bei Neuerrichtung des Gymnnaſiums vor 21 Jahren in zahlreichen Eingaben an Regierung und Landtag zum Aus- druck kam. Dieſe Gunſt wird aber dem Gymnaſium am ſicherſten erhalten bleiben, wenn Lehrer und Schüler in treuer Arbeit darnach ſtreben, den klar umſchriebenen Aufgaben des Gymnaliums gerecht zu werden.

In ſeinen weiteren Ausführungen knüpſt der Redner an das Terenz'ſche Wort an:«Homo sum, humani nihil a me alienum putoy Ich bin ein Menſch, nichts Menſchliches iſt mir freind das in richtiger Auslegung einen Wahlſpruch des humaniſtiſchen Gymnaſiums bildet. Nihil humani nichts Menſchliches, das bedeutet: keine für den Gegenwarts- menſchen hinfichtlich feiner geiſtigen Ausbildung notwendige und nützliche Kenntnis foll dem Gymnaliaſten fremd bleiben.* Deshalb ſoll er in die Natur- wiſſenſchaften und alle realiſtiſchen Fächer einen ſo tiefen Einblick gewinnen, als es bei der dieſen Fächern zur Verfügung ſtehenden Zeit nur immer möglich iſt. Darum ſind auch im neuen Hauſe die Unterrichtsräume für dieſe Fächer mit der größtten Sorgfalt einge- richtet und die Lehrmittelſammlungen für Phyſik, Naturgeſchichte, Geographie, Zeichnen mit Anſchauungsmaterial, Apparaten etc. ſehr reichlich ausgeſtattet worden. Doch Homo sum,«ich bin ein Menſch» ſteht an der Spitze des Terenz'ſchen Ausſpruchs, und das Menſchliche im engeren Sinn, der Menſch ſelbſto, ſein Denken und Handeln, ſeine Sprache, ſteht im Zentrum unſeres Unterrichts und das Hauptziel des Gymnaliums iſt die ſprachlich-hiftoriſche Ausbildung des Gymnalſiaſten.

Wenn wir als Deutſche unſere Schüler in erſter Linie in die deutſche Sprache und deutſche

uIn den erſten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde ſie bald als Lyceum, bald als Gymnaſium oder als Progymnaſium bezeichnet. 2 Vergleiche hierzu Ad. Harnack Die Motwendigkeit der Erhaltung des alten Gymnaſiums in der modernen Zeit, Berlin 1905, S. 7.