Hierauf gab Direktor Dr. Buchhold in ſeiner Anſprache zunächſt den Gefühlen der Freude und des Dankes gegen Gott Ausdruck, die an dieſem Tage die Herzen aller er- füllten, die dem Offenbacher Gymnaſium nahe ſtünden, dankte Seiner Königlichen Hoheit dem Groſherzog, in deſſen Dlamen und mit deſſen Genehmigung das neue Gebäude errichtet wurde, und allen anderen, die zur Vollendung beigetragen, der Staatsregierung, den Kammern der Landſtände, der Stadt Offenbach und allen Mitarbeitern an dem Bau. Alle, die zu der Feier erſchienen waren, die oben genanntenVertreter der Staatsregierung, der hieſigen ſtaatlichen Behörden, der Stadt Offenbach, die Eltern der Schüler und Freunde des Gymnaliurns hieß er herzlich willkommen und wies darauf hin, welch hochbedeut- ſames Ereignis die Einweihung eines neuen Schulgebäudes für die Gemeinde, die Orte der Umgebung und die Schule felbſt iſt, der es übergeben wird. Iſt doch das Schulgebäude die zweite Heimat der heranwachlfenden Jugend, wo das Beſte, was die MNatur den Kindern auf ihren Lebensweg mitgibt, die geiſtigen Anlagen, ausgebildet und gekräftigt werden ſollen. Mens sana in corpore sanol Das alte Mahnwort, in geſundem Leibe die Seele geſund zu erhalten, klingt niemals lauter in unſer Ohr, als dann, wenn ein neues Schul- gebäude ſeinem Zwecke übergeben wird, und die Mahnung klingt noch eindringlicher, wenn es ſich um eine Schule handelt, die ihre Schüler über die Jahre des Schulzwangs hinaus bis zum Studium an ſich feſſelt. Der neue Abſchnitt im Leben der Schule, der mit der UÜbergabe eines neuen Gebäudes beginnt, veranlaſtte den Redner, einen Blick in die Vergangenheit und die Zukunft des Offenbacher Gymnaſiums zu werfen.
Das Offenbacher Gymnaſium kann auf eine lange undehrenvolle Vergangenheit zurückblicken, wenn auch nicht auf eine ununterbrochene Reihe von Jahren ſeines Be- ſtehens. Die erſte Gymnalſiallehranſtalt in Offenbach wurde unter der Regierung des Grafen Johann Philipp von lſenburg im Jahre 1691 gegründet, zu einer Zeit, in der Offenbach noch mehr einem Dorfe als einem Städtchen glich und noch nicht 1000 Ein- wohner hatte. Offenbach litt noch unter den Folgen des dreiſigjährigen Krieges, und der Wohlſtand nahm nur langſam zu. Günſtig wirkte der Zuzug franzöliſcher Flüchtlinge, die nach Aufhebung des Ediktes von Nantes ihr Vaterland verlieſten und von dem Grafen Johann Philipp gern aufgenommen und in Offenbach angeſiedelt wurden. Aber doch hätte die Gemeinde Offenbach die Errichtung einer höheren Schule aus eigener Kraft nicht zuſtande gebracht. Nur nach unendlichen Bemühungen gelang es dem damaligen Hofprediger Konrad Bröske mit auswärtiger Hilfe und zuletzt dadurch, daſt er die Königin Maria von England, Gemahlin Wilhelms IIl. v. Oranien, für ſeine Sache zu interellſieren wußtte, den von ihm ſeit Jahren verfolgten Plan zu verwirklichen. Als die Königin einen narnhaſten jährlichen Zuſchuß zu den Koſten der Schule anwies, war die Errichtung ge- ſichert.“ Die neue Schule erhielt, wie damals üblich, den Namen einer Lateiniſchen Schule, weil auf dem Lateiniſchen der Hauptnachdruck lag, ſie entſprach aber im übrigen unſerm heutigen Gymnaſium und war, wenn auch klein und beſcheiden in ihren Anfängen, doch von dem Geiſte erfüllt, der das Merkmal der höheren Schule ſein muß, dem Geiſte wiſſenſchaftlichen Strebens. In den nächſten Jahren, bis 1696, wurde ſie ausgebaut; in dieſem Jahre konnten zum erſten Male einige Schüler zu Studenten promoviert werden, ein Vorgang, den wir mit der Entlaſſung der Abiturienten nach beſtandener Reifeprüfung vergleichen dürfen.— Aus der weiteren Geſchichte der Schule hob der Redner nur weniges hervor. Zuerſt war die Schule im Pfarrhauſe in der Schloßſtraße untergebracht. lm lahre 1708 aber kaufte der Graf ein Gebäude in der Herrnſtraße, einen, wie es in
¹Vergl. hierzu Dr. Sommerlad, die Geſchichte des öffentlichen Schulweſens zu Offenbach S. 18 ff.
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