Aufsatz 
Der Neubau des Gymnasiums zu Offenbach a.M. Vom Großhezogl. Bauinspektor Reuling
Entstehung
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jene Haltung war, oder ob ſie nicht durch ſehr reale Erwägungen auf dem Gebiete der einmaligen und dauernden Koſten eines Gymnaſiunms im Gegenſatz zu denjenigen eines anderen Vorgehens beſtimmt gewelen iſt. Das ändert aber nichts an der Tatſache, daß die Stadt ſchließlich durch unentgeltliche Hergabe des Geländes, durch einen be- trãchtlichen Barzuſchuß und durch UÜbernahme weiterer Laſten ihr lIntereſſe an der An- ſtalt in einem Umfang bekundet hat, daß dem Staat nicht viel mehr als zwei Drittel der Geſamtkoſten des Baues zu decken blieben. Wir dürfen uns für die Stadt freuen, daß die frühere Realſchule nicht, wie zuerſt geplant, umgeſtaltet worden iſt, ſondern daß allen in Offenbach zu berückſichtigenden Bedürfniſſen jetzt durch zwei ſelbſtändige An- ſtalten gedient iſt. Beide werden von dieſem Verhältnis Nutzen ziehen. Es wird dies mindeſtens in dem Maße erhofft werden können, als ſich die Ziele und Aufgaben unſerer höheren Schulen unter dem Einfluß des Ausgleichs der mit ihren Abgangszeugniſſen verbundenen Studienberechtigungen einander zu nähern ſcheinen.

Unverkennbar geht ja ein an lich vollberechtigter Zug der Zeit dahin, daß auch die Gymnaſien ſichmehralsfrühermodernenForderungen anpaſſen ſollen. Aberdie Grund- lagen, auf denen unſere Gymnalien hiſtoriſch lich entwickelt haben, wollen wir beibehalten und auch fernerhin die ldeen richtig gewürdigt wiſſen, auf denen die unvergängliche Bedeutung des klaſſiſchen Altertums für uns beruht. Vielleicht wird uns hierüber aus berufenerem Munde noch ein Mehreres geſagt werden. Dennoch möchte ich glauben, daß in dieſer feſtlichen Stunde ein Bekenntnis zum Wert der Vertrautheit mit dem antiken Leben auch von Einem am Platze ſein kann, dem im Ringen der geiſtigen und wirtſchaftlichen Kräfte unſerer Tage für ſich und andere den Weg zu ſuchen obliegt. Wir wollen und dürfen nicht vergefſen, dafß es kaum ein ein- ziges Gebiet unferesWiffens und Erkennens gibt, deflen Anfänge nicht auf dem Boden von Hellas und Rom zu ſuchen oder auf dem nicht dort bereits herrlichſte Blüten von ewiger Schönheit erwachſen ſind. Wie bejubelte Wun- derleiſtungen der heutigen Technik ſchon im lichten Schleiergewand ahnender Sage die Vorſtellungswelt des Griechenturs beſchäftigt hat, ſo ſind uns die leuchtenden Namen der großen Denker und Dichter, der Künſtler und Geſchichtsſchreiber jener Zeiten ragende Markſteine am Wege menſchlicher Kultur, und verkörpern deren Werdegang. lmmerdar waren und ſind der Jugend erhabene Vorbilder die römiſchen und griechiſchen Heldengeſtalten, an denen wir die Größe der Helden der Tat und des Geiſtes in unſerem eigenen Volke meſſen in den edelſten Tugenden, in Lauterkeit und Wahrhaftigkeit, in Zucht und Sitte, in Gottesfurcht und Vaterlandsliebe. Auf römiſcher Unterlage ruht unſer Rechtsleben, wobei der Grundſatz:«Salus publica suprema lex»y dem Staatsmann von heute noch ebenſo Richtſchnur ſeines Handelns ſein muß, wie ihm das ſtete Mahn- wort an die Senatoren Ceterum censeo» die Formel für das zähe Feſthalten an dem einmal für richtig und nötig Erkannten abs ſicherſte Bedingung des Erfolges iſt.

So ſprudeln unverſieglich die köſtlichen Quellen, in denen lich höchſtes Menſchentum ſpiegelt und aus denen Jahrtaufende den Zaubertrank der ldeale ſchöpfen. Dielen Schatz unſerer lIugend zugänglich zu machen, ift das neue Gymnalium beftimmt. Auch es diene der salus publica! Möge alle Ar- beit in ihm gelegnet ſein! Glückauf denen, die zu ihr als treue Lehrer berufen ſind, Glückaufunſeren lernenden Jungen! Möge ſich die Kraft jener Quellen an ihnen erweiſen und fie ſtählen für das Leben, in dem lie beſtehen ſollen als echte Menſchen, als tüchtige Bürger am eigenen Herd, in der Gemeinde, in Staat und Reichl(Mach der Offenb. Zeitung.)