Aufsatz 
Festrede bei der Feier der 100. Wiederkehr des Todestages Friedrich Schillers
Entstehung
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erledigen ist. Tells Tat führt den frühzeitigeren Ausbruch der Erhebung seiner übrigen Landsleute herbei, welche die völlige Befreiung des Landes zur Folge hat.

Wenn ein geistreicher Staatsmann jüngst gemeint hat, daß das 20. Jahr- hundert überhaupt die kommenden Epochen nicht mehr nach einzelnen Personen wie die vorangegangenen Zeitalter, denen solche ein besonderes Gepräge und darum auch den Namen gaben, sondern nach den zur Geltung gelangenden Nationen, ja überhaupt nach Zusammenfassungen größerer Menschheitsteile benannt werden würden, so möchte ich an dieser Stelle sagen, daß Schiller, der, wie bemerkt wurde, in so mancher Dichtung ein Volk, eine Menschenmasse zur handelnd eingreifenden Person macht, als dichterischer Prophet dieser kommenden Zeit zu betrachten ist.

Der Menschheit große Gegenstände sind aber in allen Dramen unseres Dichters die Hauptsache, um Freiheit und Herrschaft wird gerungen; was der wahren Natur des Menschen entgegentritt, wird bekämpft; wo es gilt, die Freiheit des sittlichen Handelns des einzelnen wie einer Gesamtheit gegen Druck und Zwang zu verteidigen, da weiß Schiller wie in der ‚Jungfrau von Orleans, in ‚Wilhelm Tell die gewaltigsten und er-

reifendsten Töne anzuschlagen. Und es ist uns erklärlich, daß ganz besonders die jüngere Welt seiner Zeit, besonders aber die deutsche Jugend mit pochendem Herzen seinen Dichtungen lauschte, die von Freiheit, Vaterland, von echter Sitte und Religion, an denen man festhalten solle, in so flammenden und markigen Worten sprachen. Und solange nicht ein banausisches Wesen sich der Welt ganz bemächtigt, solange neben religiöses Fühlen und künstlerisches Schauen das sittliche Wollen als dritte Eigenschaft, als Zuschlagekraft des sittlichen Handelns, tritt, solange wird die hochgereckte Dichtung Schillers Bedeutung haben und auch im Laufe des 20. Jahrhunderts neue großgeistige Mischungen wie ehedem erzeugen.

Wir wollen nun nicht übersehen, daß Schiller sowohl in kleineren Dichtungen als auch in seinen Tragödien gern auch zur Darstellung bringt, wie eigentlich im Frieden der Seele das wahre Glück des Menschen ruht; ich erinnere nur an die Unter- redung zwischen Wallenstein und Max, in der dieser dem zum Verrat schreitenden Feldherrn das schöne Glück der rein erhaltenen Seele entgegenhält.

Unser Dichter nimmt die Stoffe besonders zu seinen Dramen überwiegend aus einem Zeitalter, das wir als das neuzeitliche, in gewissen Gegensätzen zu dem so- genannten Mittelalter stehende bezeichnen, es sei an ‚Fiesco, ‚Don Carlos,Wallen- stein und ‚Maria Stuart erinnert; aber er gräbt auch die frühere Epoche auf; in der Jungfrau von Orleans', in der ‚Braut von Messinat behandelt er Stoffe des Mittelalters und den noch naiv gläubigen Sinn dieses weiß er wie kein anderer aufs treffendste festzuhalten. Auch seine Romanzen ‚Der Graf von Habsburg, ‚Der Kampf mit dem Drachen, ‚Der Gang zum Eisenhammer, sein Gedicht ‚Die Johanniter verkünden uns, wie Schiller sich so liebevoll in den Geist jener älteren Geschichtsepoche zu ver- senken wußte..

Ich darf nun auch nicht übergehen, was Schiller für uns Osterreicher bedeutet. Dem ritterlichen Ahnherrn unseres erlauchten Kaiserhauses setzt er in herrlicher und zugleich ergreifender Weise ein Denkmal in seinem ‚Der Graf von Habsburgt; in dem Gedichte ‚Deutsche Treue preist er den Enkel dieses Ahnherrn, Friedrich den Schönen, wegen seines treuen Festhaltens am gegebenen Worte. Und welchen Widerhall erwecken in uns die Worte im ‚Wallenstein: ‚Ja, der Osterreicher hat ein Vaterland und liebt's und hat auch Ursach', es zu lieben.

Wie er aber als Vorbild und vor allem als Lehrer dramatischen Dichtens auf die am Beginn des 19. Jahrhunderts in Osterreich erblühende Dichtergeneration erziehend und anspornend einwirkte, das soll hier nur gestreift werden und nur ein Name soll genannt werden, Osterreichs größter Dramatiker, Franz Grillparzer.

Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut. Im Anfang des Jahres 1791 hatte ihn eine schwere Lungenkrankheit befallen. Man befürchtete einen tödlichen Ausgang. Er genas. Aber die einmal eingenistete Krankheit ließ sich nicht mehr verscheuchen. Immer wieder, namentlich auch seit seiner UÜbersiedlung nach Weimar(1799), zeigten sich die mplomen Alle Erkältungen warfen sich auf die schwache Brust und es zeigten sich dann furchtbare Krämpfe. Und einem dieser Anfälle ist der nimmermüde, in Krankheitstagen erst recht zur Geistesheiterkeit gereifte Mann am 9. Mai 1805 er- legen. Die letzten Stunden seines Lebens waren ergreifend. Am 8. Mai antwortete er seiner Gattin auf die Frage, wie er sich fühle: ‚Immer besser! Immer heiterer! Hebe den Vorhang, daß ich die Sonne sehe!

In der Nacht noch sprach er viel von Demetrius. Mehrmals rief er Gott an, daß er ihn vor einem langsamen Hinsterben bewahre. Am andern Tage hatte er das Be- wußtsein verloren, er murmelte nur noch unverständliche Worte, meist lateinisch. Gegen drei Uhr nachmittags stockte der Atem. Vor dem Bette kniete seine Frau Lotte