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Und nun erfolgte gerade in dieser Zeit(1794) die andauernde Annäherung Schillers an Goethe, es entsteht jener eigenartige Freundschaftsbund zweier Geistes- heroen, wie er in der Geschichte der Literaturen einzig nur in der der Deutschen vorkommt. Es ist wohl müßig, zu untersuchen, welcher von den beiden durch diese Verbindung gewann. Wir halten uns an die Aussprüche beider selbst. ‚Ich kann nie von ihm gehen, ohne daß etwas von ihm in mir eingepflanzt worden wäre', sagt Schiller von Goethe. ‚Es war ein Glück für micht, sagt dieser von jenem, ‚daß ich Schiller hatte; denn so verschieden unsere Naturen auch sein mochten, so gingen doch unsere Richtungen auf eins, welches denn unser Verhältnis so innig machte, daß im Grunde keiner ohne den andern leben konnte“. Für Schiller aber war das Wichtigste, was ihm der innige Verkehr und Gedankenaustausch mit Goethe brachte, daß er sich nun ganz wieder der Poesie zuwandte. Und so ist denn auch der Lebensabschnitt Schillers von 1794 bis zu seinem Tode die Zeit des eigentlich künstlerischen Schaffens in reichstem Maße. In dieser Epoche schrieb er u. a. seine herrlichen Elegien ‚Pompeii und Herkulanum:, ‚Der Spaziergang“, das wunderbare Gedicht„‚Das Lied von der Glocke“, die prächtigen Balladen und Romanzen, von denen jeder eine rein erfaßte, klar zum Ausdruck ge- brachte Idee zugrunde liegt. Dann folgen vom Schlusse des Jahrhunderts bis zum letzten Jahre seines Lebens die großen dramatischen Schöpfungen: 1799 ist die Trilogie „‚Wallenstein“ beendet, 1800 ‚Maria Stuart“, 1801 ‚Die Jungfrau von Orleans“, 1803 ‚Die Braut von Messina“, 1804 ‚Wilhelm Telle, Torso bleibt der gewaltige ‚Demetriust. Da bricht der Lebensfaden des Dichters ab.
Wenn man die Jugenddramen Schillers an sich vorüberziehen läßt, so kann man leicht erkennen, wie die Gestalten dieser Dichtungen das Gefühl der freien Tat atmen, wie sie die Formen, die sie einengen, zerbrechen wollen; überall quillt aus dem Innersten heraus Gedanke und Handlung. In den Briefen ‚Über die üsthetische Erziehung des Menschengeschlechtes“, die besonders als ein Ergebnis der philosophisch-ästhetischen Studien Schillers erscheinen, ist die stille Voraussetzung der Umbildung des Staates, der Gesellschaft die Freiheit des Entschlusses, des Wollens und das ästhetische Prinzip selbst, das Kennzeichen des Schönen, ist Freiheit in der Erscheinung“. Preilich erfuhr auch Schiller an sich die stillwirkende Macht der Erfahrung, die keinem erspart bleibt, der weiter ins Leben hineinschreitet. Mehr und mehr sehen wir, wie die Mitmenschen im Denken und Handeln durch die umgebende Welt beschränkt werden, und daß wir selbst dem Schicksal der Mitmenschen nicht entgehen. Krankheit, Sorge ums täügliche Brot, Einfluß der Außenwelt und des eigenen Hauses redeten eine eindringliche Sprache zu dem Dichter; auch die Geschichte hat ihn gelehrt, daß der Glaube an die unbedingte vollkommene Freiheit einer Einschränkung bedürfe. Aber doch nur einer Einschränkung! Und so bildet für die Dramen der Epoche seines reifen dichterischen Schaffens das Ineinanderspielen menschlicher Freiheit und äußerer Einflüsse das sittliche Problem. Der Dichter steigt hinab in die Tiefen menschlichen Gemütes, um uns an großen Beispielen zu zeigen, daß nicht bloß von außen treibende Kräfte den Armen schuldig werden lassen, sondern daß in unsrer Brust unseres Schicksals Sterne sind.
So zeigt uns der Dichter in seinem„Wallenstein', wie ein auf die Höbe der Zeit estellter großer Mensch, mit einer scheinbar ganz ergebenen Armee in der Hand, mit, Gm Verrate am Kaiser, sagen wir also mit dem Feuer so lange spielt, bis die Flammen
über ihm zusammenschla ſen und ihn vernichten. In ‚Maria Stuart’ ist das tragische Verhängnis der Heldin, daß sie, vielumworben und wegen ihrer Schönheit gefeiert, gleichsam auf die Notwendigkeit der eigenen Natur, auf Liebesglück nicht verzichten will, trotzdem an ihren Händen das Blut des gemordeten Gatten klebt. Auch in der eigenartigen Chortragödie ‚Die Braut von Messinat ist nicht ein blindes Schicksal das- jenige, was die Menschen unwiderruflich vernichtet, sondern das Verhüngnis des Herrschergeschlechtes von Messina entspringt hauptsächlich keiner andern Ursache als der angeborenen und unausrottbaren Herrenart dieses auf fremdem Boden gebietenden Geschlechtes und seiner einzelnen Glieder, deren leidenschaftlichem Herren- und Eigen- willen und dem damit verbundenen gegenseitigen Mißtrauen.
An dieser Stelle möchte ich auf ein anderes kennzeichnendes Merkmal Schillerscher Dramatik hinweisen, nämlich daß der Dichter, wie dies uns auch in einzelnen Romanzen begegnet, gerade in der Tragödie Ds Braut von Messinat das Volk, die Menschen- masse zur dramatischen Person verdichtet. Und dieses setzt er fort in seinem Proßen Volksschauspiele„Wilhelm Tell’. In ihrer Gesamtheit stellen die Stauffacher. Walter Fürst, Arnold von Melchthal, die Attinghausen das schweizerische Volk dar, Tell wird in die Gesamtheit eingereiht und hat von sich aus nur den Teil der Handlung zu tragen, der im Mittelpunkt des viel verschlungenen Ganzen steht und die Entscheidung bringt. In dem Einzelzusammenstoß zwischen Tell und Geßler spitzt sich dann alles zusammen, was im ganzen Drama zwischen den Schweizern und ihren Bedrängern zu
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