Aufsatz 
Festrede bei der Feier der 100. Wiederkehr des Todestages Friedrich Schillers
Entstehung
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von Norden her unerwartet Hilfe; es war, wie wenn Gott seinen Auserwählten nicht sinken lassen wollte. Von dem dänischen Minister Grafen von Schimmelmann, einem Deutschen, und dem Prinzen von Holstein-Augustenburg langte ein Schreiben in so vornehmer, alle freundschaftliche Fürsorge verratender Art an Schiller ein, in dem ihm auf drei Jahre ein jährliches Geldgeschenk von 1000 Talern angeboten wurde. Auch da war es sein dichterischer Genius gewesen, der ihm die Herzen dieser edlen Männer gewonnen hatte. Und als unter dem Drucke der nämlichen Bedrängnis der Dichter Gefahr laufen mußte, sich in Dinge zu verlieren, die ihn von seiner Bestimmung ab- lenkten, da ließ die Vorsehung seinen Weg in den Goethes, seines größten Freundes, münden, der für ihn und für den er der rückführende Pilot zum Reiche des Schönen wurde.

Vom Jahre 1785 an, in welchem Jahre er Körners Einladung, nach Leipzig zu kommen, folgte, weilt Schiller auf thüringisch-sächsischem Boden, der seit den Tagen des Mittelalters für die deutsche Dichtung so hohe klassische Bedeutung besitzt.

Da vollendet er zunächst seine große Pragödie ‚Don Carlos', da vertieft er sich sodann in das Studium der Geschichte, der Philosophie und der griechischen Poesie; es ist die Zeit der großen Vorbereitung zu seinem vollendeten künstlerischen Schaffen. In dieser Lebensepoche vermählte er sich auch(1790) und an der Seite seiner ihm volles Verständnis entgegenbringenden Frau es ist Charlotte von Lengefeld erblüht ihm ein schönes häusliches Glück; die Kinder, die sie ihm schenkt, sind ihm eine erhebende Freude, anregende Sorge. Auch äußerer Ehren blieb er nicht bar, er ward mit dem Titel eines sächsisch-weimarischen Hofrates ausgezeichnet und erhielt, dann die Professur für Geschichte an der Universität in Jena. Als Professor gewann er sich die Hochachtung und begeisterte Liebe der Studierenden.

Seine dramatischen Dichtungen Fiescow und insbesondere ‚Don Carlos hatten Schiller zur Geschichte geführt. Im geschichtlichen Werden erblickte er das Werden der Wahrheit und diese zu fördern suchte er, sowohl Geschichte vortragend als auch schreibend. Ihm gelingt als Darsteller geschichtlicher Vorgänge in einer markigen und edlen Sprache vor allem die knappe, scharfe Hervorhebung gewisser politischer Lagen. Ich erinnere z. B. an die Zeichnung der Umstände, die Wallensteins Berufung zum zweiten Generalate vorbereiten. Wie spannend ist der Verlauf der Lützener Schlacht dargestellt. Welche Gewalt liegt in der Schilderung des Unterganges des mächtigen Friedländers. In welch prachtvollen Sätzen kennzeichnet er den durch den Sturm der Völkerwanderung augenblicklich hervorgerufenen Zustand in der untergehenden römischen Welt:Zerbrochen werden die Brücken zwischen Byzanz und Massilia, zwischen Alexandria und Rom, der schüchterne Kaufmann eilt heim und das länder- gattende Schiff liegt entmastet am Strande.

Durch das Studium der Geschichte wurde Schiller so recht sachlich. Und nun kam dazu das Studium der Philosophie, besonders der des großen Königsberger Denkers Immanuel Kant. Durch Kant wurde, was längere Zeit vielleicht ihm nicht so klar gewesen sein mag, Schiller besonders deutlich, daß nämlich die innere ruhige, geistige Umbildung den Menschen erst wahrhaft frei mache; und habe er dann diese sogenannte menschliche Freiheit erlangt, dann sei er auch befähigt zur bürgerlichen Freiheit. Es ist nun bemerkenswert, daß Schiller, von dieser Ueraenchde getragen, genau er- kannte, und so nahm er Stellung zu dem größten politischen Ereignisse seiner Zeit, zur französischen Revolution, daß die aus dem Zeitalter Ludwigs XV. stammende verderbte französische Gesellschaft nicht die Trägerin echter bürgerlicher Freibeit sein könne. Und er, der gewiß stets freimütig den Mibßbrauch fürstlicher Gewalt tadelte, dachte an die Abfassung einer Schrift, durch die er den Franzosen das Verbrecherische ihres Vorgehens gegen Ludwig XVI. vor Augen führen wollte. ‚Ich kann seit vierzehn Tagen, schreibt er, ‚keine französische Zeitung mehr lesen, so ekeln mich diese elenden Schinderknechte an. Er betonte, daß die französische Republik in eine Anarchie über- gehen und daß früher oder später ein geistvoller kräftiger Mann auftreten werde, um die Monarchie zu begründen. So sah der Dichter schon 1792 die Laufbahn Napoleon Bonapartes voraus.

Die innere Umbildung des Menschen, seine Erziehung erfolge durch das wahrhaft Schöne, das wird Schillers felsenfeste UÜberzeugung.

Nur durch das Morgentor des Schönen . Drangst du in der Erkenntnis Land', sagt der Dichter in seiner so gedankenreichen SchöpfungDie Künstlert In dem Maße, als sich aber die menschliche Einsicht vertiefe, müsse auch des Menschen Willen zum Guten kräftiger werden; denn nicht die Intelligenz beherrsche den Menschen, sondern der Wille, dem jene zu dienen habe. So trat bei Schiller der Philosophie des ehemaligen vielleicht zu schwärmerischen Empfindens die Philosophie der sittlichen Tat zur Seite.