Aufsatz 
Festrede bei der Feier der 100. Wiederkehr des Todestages Friedrich Schillers
Entstehung
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Von diesen Worten möchte ich heute ausgehen, an dem Tage, wo vor 100 Jahren Johann Christoph Friedrich Schiller aus dieser Zeitlichkeit geschieden ist, an dem Tage, wo Millionen Deutsche dem Genius des Dichters in ernst feierlicher Stimmung neuer- lich ihre Huldigung darbringen Und das: er war unser! ertönt um so voller und tiefer in der Seele der Gegenwart, je mehr man wieder bewußt wird, was man an Schiller besitzt. Lange Zeit in materialistischer Befangenheit, überall nur Zwang und Notwendigkeit zu sehen, beginnt man wieder, an sittliche Freiheit und Verantwortlich- keit zu glauben, und tief erregend Fent die Ahnung von etwas Neuem durch unsere Zeit. Und da ist es erklärlich, daß Friedrich Schiller, der stets so mannhafte Ver- fechter hoher sittlicher Ideen, wieder voll zu Ehren kommen muß. Er stellt insbesondere in der deutschen Dichtung das Mänpliche, das echt Herrenmäßige dar. Schon Goethe spricht von dem ‚Stolzent, dem ,Großartigen, von dem Erhabenen in Schillers Natur.

Es ist jene bei diesem so hervorragende Kraft, der lebendige Gedanke der sitt- lichen Freiheit, der ihn vermochte, alle Hemmungen und Widerstände der Außenwelt zu überwinden; und zugleich war dieser Freiheitsgedanke jene Kraft, die ihn be- fähigte zu siegreicher Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung. Dadurch rang er sich empor zu der großartigen Einheit eines Mannescharakters, der auch dem Leiden und dem Tode vertraut ist und, ohne am Leben zu hängen, doch das Leben wohlgemut, durchficht bis zum Ende in freier Mannestat, in weltüberlegenem Schaffen und Wirken, allen Zwiespalt zwischen Wollen und Müssen in einem persönlichen Sollen auflösend.

Für qhe Entwicklung unseres Dichters wie überhaupt eines jeden Menschen kommen die geschichtlichen Verhältnisse, in denen er wurzelte, in Betracht, ferner die Stammes- zugehörigkeit und die Familie.

Als Schiller geboren wurde, war eben das dritte Geschlecht nach dem grauen-

haften 30 jährigen Kriege in das Grab gesunken. Noch litt das deutsche Volk an den furchtbaren Folgen dieses wilden, zerstörenden Kampfes. Eine der übelsten Folgen war die Verarmung der deutschen Länder; es fehlte an bürgerlichen Klassen als selb- ständiger, maßgebender Macht; herrschend war eine Menge von Fürsten mit ihren Ge- folgsleuten, die zumeist in kleinlicher Nachahmung des Ausländischen, besonders nach der äußerlichen Seite hin, den Hauptzweck ihres Daseins erblickten und sich um das wahre Beste der ihnen anvertrauten Lande wenig oder gar nicht kümmerten. Ihren Untertanen gegenüber kannten sie nur die Durchsetzung ihres Willens. 4 Es ist jenes Zeitalter, in dem in Dichtung und darstellender Kunst Schwulst, Uberladenheit, die Unnatur zum Siege gelangt war. Es zeigt sich jenes gesuchte Zier- liche, das Widriges zu verdecken bemüht ist. Je brutaler die Tat, A22co gemachter und einschmeichelnder war die Form, in der sie begangen wurde. Schminke und Schönheits- pflästerchen verdeckten Laster und Gemeinheit, Rosenguirlanden umwanden blutig drückende Eisenketten. Die Tyrannei der Perücke war die fürchterlichste. Statt des Schönen herrschte der Schein des Schönen, statt der offenen Wahrheit die geschminkte, süßlich vorgebrachte Lüge. Unter den bizarrsten Verzierungen konnte man die wahre Gestalt der Personen und Gegenstände kaum mehr herausfinden, die Arabeske war die Hauptsache geworden.

Aus dem Kampfe gegen solche Zustände, gegen diesen die sittliche Freiheit ver- nichtenden Druck müssen wir Schillers erste dichterische Schöpfungen beurteilen. Schon war Lessing in seiner, Emila Galottiein der Anklage gegen den Despotismus dieser kleinen Fürsten vorangegangen, schon hatte Goethe in seinem ,Götz' der echten und wahren Natur des Menschen das erlösende Wort gesprochen. da erschien Schiller auf dem Plan, um mit der ganzen jungen Kraft seines dramatischen Könnens der Pyrannei die Perrücke herunterzureißen und das geschminkte Laster in seiner ganzen Häßlichkeit darzustellen. Die Räubert, ‚Fieskot, ‚Kabale und Liebe sind die gewaltigen Anklagen, die Schiller gegen sein Zeitalter erhebt.

Vergessen wir nun nicht, daß unser Dichter ein echter Schwabe ist. Der Schwabe lernt zunächst etwas Tüchtiges und erst dann tritt er hinaus in die Welt, aber nicht. etwa um viel Wesens aus sich zu machen, sondern um etwas Ordentliches zu leisten und seine Umgebung emporzuheben. Von jeher kennzeichnet den Schwaben ein starkes Selbständigkeitsgefühl; er hält viel darauf, daß man seine Eigenart schont, wie er nie- mandem seinen Willen aufdrängt, so soll auch ihm kein fremder Wille aufgedrängt werden.

Diese Stammeszüge treten an Schiller scharf hervor. Auch er lernt in den Schulen, durch die er geht und gehen muß, etwas Tüchtiges, um es auch andern mit- zuteilen und sie emporzuziehen, ohne daß dabei ein Aufdrängen in Frage kommt. Fremden Willen, der ihn unterkriegen will, bekämpft er und, wenn sein Landesvater, der Herzog Karl Eugen von Württemberg, ihn zum Eintritt in seine militärische Pflanz- schule, die nachmalige Karls-Akademie, bestimmt und ihm das Studium der Rechte zunächst nur möglich macht, so betrachtet Schiller dies als einen Eingriff in das Recht