Aufsatz 
Über Mithrasdienst und Mithreen / von Georg Wolff
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Einleitung.

Den Kern der folgenden Ausführungen bildet ein Vortrag, den ich vor mehreren Jahren im Verein akademisch gebildeter Lehrer in Frankfurt am Main gehalten habe. Die freundliche Aufnahme, welche derselbe im Kreise der Kollegen gefunden hatte, ermutigte mich, der wiederholt ausgesprochenen Aufforderung zur Veröffentlichung Folge zu leisten. Aber ehe ich die dazu nötige Zeit fand, schrieb mir Direktor Roese in Stralsund, daß er mit einer Programmarbeit über den Mithrasdienst beschäftigt sei. Es konnte nicht meine Absicht sein, dem ehemaligen Kollegen den Stoff vorwegzunehmen. So blieb das Manuskript liegen. Wenn ich es nun vier Jahre nach dem Erscheinen der Roeseschen Arbeit ¹) wieder hervorgeholt und zur Grundlage einer neuen Veröffentlichung über denselben Gegenstand gemacht habe, so waren dabei für mich zwei Gründe maßgebend.

Zunächst hatte ich das Thema teilweise von einer anderen Seite aufgefaßt als Roese, der die religionsgeschichtliche Bedeutung des Mithraskultus in den Vordergrund stellte und daneben den linguistischen Fragen, welche uns bei der Beschäftigung mit der Mithrasreligion so häufig entgegentreten, ein besonders lebhaftes Interesse entgegenbrachte. Diesen beiden Seiten gegenüber trat für ihn die Berücksichtigung der Kultstätten, der Mithreen ²) oder Speläen, zurück, wenn er auch einem der neuesten Funde auf diesem Gebiete, dem

über die Verehrung des persischen Sonnengottes im römischen Reiche, die selbst von Theo- logen und Religionshistorikern kaum beachtet worden waren, erst Sinn und Zusammenhang erhalten durch die Aufklärungen, welche jene Kultstätten mit ihrer überreichen und infolge der unterirdischen Lage außergewöhnlich gut erhaltenen epigraphischen und plastischen Ausstattung uns gebracht haben. Nun traf es sich, daß gerade an der Schwelle der Xra neuer Entdeckungen, als das im Anfange des vorigen Jahrhunderts durch eine Reihe von

¹) E. Roese:Uber Mithrasdienst. Beilage zum Jahresbericht des Realgymnasiums in Stralsund. Ostern 1905. ²) Mithreum ist die von v. Domaszewski nachgewiesene richtige Schreibung des Wortes, während früher allgemein Mithräum geschrieben wurde.