Aufsatz 
Über Mithrasdienst und Mithreen / von Georg Wolff
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besonders sorgfältiger Beobachtung aller für die Architektur des Speläums in Betracht kom- menden Verhältnisse nötigte, während meine damals noch geringe Bekanntschaft mit den religiösen Voraussetzungen solcher Bauten mich veranlaßte, durch das Studium der zerstreuten und teilweise minderwertigen Literatur mich selbst für die Veröffentlichung der Funde vorzu- bereiten und die Ergebnisse dieser Forschungen demnächst dem Ausgrabungsbericht in über- sichtlicher Weise beizufügen.¹) Während dieser Teil meiner Arbeit nur den Zweck hatte, die Freunde unserer vaterländischen Altertumskunde und die Mitforschenden auf diesem Gebiete mit den für das Verständnis der Funde in Betracht kommenden religionsgeschichtlichen Pro- blemen bekannt zu machen, ist der Exkurs über die architektonische Beschaffenheit der Mithrasheiligtümer die Grundlage unserer Kenntnis über diese interessanten Denkmäler des untergehenden griechisch-römischen Heidentums geworden. Anderthalb Jahrzehnte nach der Auffindung des Mithreums von Großkrotzenburg war ich in der Lage, auf dem klassischen Boden der Mithrasverehrung und Mithrasforschung, auf demHeidenfelde von Heddernheim, ein neugefundenes Speläum im Verein mit meinem verstorbenen Freunde, Oberstabsarzt Kuthe, zu untersuchen und dann gemeinsam mit dem Forscher, der alle bisherigen Ergebnisse auf diesem Gebiete in einem für lange Zeit abschließenden Werke vereinigt und verwertet hat, zu veröffentlichen.²) Während Franz Cumont die Behandlung der religionsgeschichtlichen Fragen an der Hand der in dieser Hinsicht besonders ausgiebigen epigraphischen und plastischen Ausstattungsgegenstände eingehend besprach, übernahm ich es, die in dem erwähnten Exkurs gewonnenen Ergebnisse über die Architektur der Mithreen auf Grund des zwischen den Jahren 1881 und 1895 gewonnenen reichen Fundmaterials und der dadurch veranlaßten Literatur von neuem zu prüfen und zu ergänzen. Die am dritten Mithreum von Heddernheim gemachten Beobachtungen sind dann die Grundlage der Erklärung bei allen später gefundenen Speläen und für die nun erst beginnenden Rekonstruktionsversuche geworden.*)

Wenn ich demnach in der Lage bin, im zweiten Teil meiner Arbeit ganz aus Eigenem zu schöpfen, so darf ich um so unbedenklicher in dem auf die religionsgeschichtliche Bedeutung des Mithraskultus und die Deutung seiner plastischen Denkmäler bezüglichen ersten Abschnitte mich auf Cumonts großes Werk stützen, dessen Erscheinen ich von Band zu Band verfolgt und begrüßt habe.4) Darüber hinauszugehen durften bisher nur ganz Berufene wagen, wie Albrecht Dieterich, der mit der ihm eigenen genialen Energie gerade daran war, noch neue Quellen für unsere Erkenntnis der Psychologie und der Formen der Mithrasverehrung zu eröffnen, als ein allzu früher Tod ihn seinen Schülern, seinen Freunden und der Wissen- schaft entriß.

¹) G. Wolff: Das Römerkastell und das Mithrasheiligtum zu Großkrotzenburg am Main. Mit 1 Photolitho- graphie, 3 lithographierten Tafeln und 3 in den Text gedruckten Holzschnitten. Festschrift zur XXXI. General- versammlung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine dargebracht vom Verein für hessische Geschichte und Landeskunde. Kassel 1882.

²) G. Wolff und F. Cumont, Das dritte Mithräum von Heddernheim und seine Skulpturen. Mit einer Tafel und einer Textabbildung. Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst, Jahrg. XIII, Heft I, 8. 1 ff. Trier 1894.

³) Darüber vergleiche man die einleitenden Bemerkungen zum zweiten Teil überdie Mithreen.

¹) Vergleiche die Besprechungen der einzelnen Lieferungen in der Berliner Philologischen Wochenschrift: XV, 1895, 16, S. 498; XV, 19, S. 591; XVI, 1896, 6, S. 177; XX, 1900, 36, S. 1099; XXIII, 1903, 23, S. 727; XXIV, 1904, 12, S. 372.