Aufsatz 
Bemerkungen zur Besiedelungsgeschichte des Untermainlandes in frühmittelalterlicher Zeit : 2. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Organiſation, Verwaltung, Wirtſchaft der ſpäteren Merowinger⸗ und der Karolingerzeit zeigen vor allem in den fiskaliſchen Gebieten eine ſtarke Anlehnung an das römiſche Vorbild; die karolingiſche Villenverfaſſung fußt auf der römiſchen der ſpäteren Kaiſerzeit, und nach Schuchhardt iſt die befeſtigte karolingiſche curtis unmittelbar aus der römiſchen hervorgegangen. Iſt doch auch die Kirche in Deutſchland bis auf einen geringen Bruchteil römiſch gebaut! Das fränkiſche Haus⸗ und Familiengut der Könige, das Krongut, die fisci, ſelbſt die forestes, der Anſpruch auf dasherrenloſe Land und Gut u. v. a. iſt in mehr oder minder geänderter Form eine Fortſetzung der entſprechenden kaiſerlichen Inſtitutionen und Rechte, nicht allein ſachlich, ſondern ſelbſt im Namen(res, causa, ratio Caesaris, fiscus). Die Kaiſerzeit kennt ſchon den Anſpruch des Herrſchers auf die bona vaçantia, die thesauri, die bona damnatorum, die bona caduca, die Strafgelder, alle verwendet ad fiscum im ſtaatlichen und zu Zeiten im kaiſerlichen Intereſſe und gebraucht zu Wegebau, Truppenunterhalt, Verſorgung von Veteranen, zu Verwaltungskoſten der kaiſerlichen Provinzen, endlich auch zur Kultivierung und Beſiedelung der noch unbebauten Flächen. Nur römiſch, weil auf die germaniſchen Verhältniſſe nicht anwendbar, bleibt die Einrichtung der Großpacht(conductio) mit der Afterpacht der kleinen coloni, die aus der Zeit⸗ allmählich zu einer Erbpacht wird, auf dem kaiſerlichen Grundbeſitz. Wohl kennen wir jetzt haupt⸗ ſächlich durch Dopſch auch im rechtsrheiniſchen Deutſchland aus der Karolingerzeit die Zeit⸗ und Erb⸗ pacht innerhalb der fisci; doch ſie iſt kein Syſtem wie das römiſche und hat ſich dort auf natürlichem Wege, ohne Anlehnung an fremdes Vorbild entwickelt. Aber die Vermengung von fiskaliſchem und eigentlichem Königsgut findet ſich ſchon in der römiſchen Kaiſerzeit, dazwiſchen immer einmal der Verſuch einer ſchärferen Trennung beider, hier wie dort.*) Der ſo ſchwierige, weil mit den Zeiten wechſelnde Begriff derforestis aber ſcheint doch auch ſchon in der römiſchen Kaiſerzeit einen Vorgänger gehabt zu haben, nämlich in dem kaiſerlichen saltus. Dieſer Parallelismus, welcher Thimme(ſ. I, 14) entgangen iſt und auch dem Vf. erſt allmaͤhlich deutlicher wurde, iſt bereits von F. Philippi(Archiv für Urkunden⸗ forſchung II, 327 ff.) erkannt worden, und auch H. Schotte(Studien zur Geſchichte der weſtfäliſchen Mark und Markgenoſſenſchaft= Münſterſche Beiträge z. Geſchichtsforſchung, hgb. von A. Meiſter, N. F. 17) hat S. 6 fg. eine Beziehung der römiſch⸗galliſchen saltus zu der ſaliſch-fränkiſchen marcha und den karolingiſchen grundherrlichen Territorien, nämlich der aus fiskaliſchem Domänenbeſitz hervor⸗ gegangenenMark geſucht; ſie ſind von den Franken aus Gallienimportiert. Hier laufen nun aber wieder rechtlich, wirtſchaftlich, organiſatoriſch und zeitlich ganz verſchiedene Begriffe durcheinander. Das allgemeine Anſpruchsrecht des Königs auf das herrenloſe Odland oder auf die großen Waldungen ſchafft weder einen doch auch durch Grenzen geſchloſſenen saltus und dem entſprechend eine forestis, noch ſind die von Schotte herangezogenenMarken von Fulda, Michelſtadt, Lupnitz, Heppenheim u. a. aus Fiskalbeſitz verliehene, lokal geſchloſſene Bezirke, ſondern es ſind, wie die Beiſpiele von Heppen⸗ heim, Michelſtadt, Würzburg u ſ. w. zeigen, erſt bei der Verleihung an Klöſter aus dem umliegenden, bisher von dem ſiscus genutzten Gelände herausgehobene Ausſchnitte, deren genaue Grenzen erſt nach der Verleihung in ihrem Umfange, d. h. ſoviel wie der König geben will, feſtgeſtellt werden. Dabei werden Privatbeſitz, Dorfmarken, natürlich Kirchengut meiſt ſorgfältig geſchont. ²)

¹) Vgl. z. B. das Verbot des Kaiſers Pertinax bei Herodian 2, 4, 7: Die zrατα α̈αι⁴ ſind nicht idεα τoον εανυιέκ̈ᷣαοντοε, AA zO0νααιςm⁊qr Sndbα τh Poòνι⁵ασν. Die 75 a60z ſind die umfangreichen kaiſerlichen Domänen und Fiskalland, die 77 oubiart iſt der kaiſerliche Privatbeſitz. Unterſchiede ſ. Hirſchfeld S. 355 fg. Für die karolingiſche Zeit ſ. Dopſch 150 ff. Noch im ſpäteren Mittelalter: Dem Kaiſer Friedrich II. wird eingeſchärft, daß das Reichsgut nicht im Intereſſe des Kaiſers, ſondern des Reiches zu verwenden ſei.

²) S. des Vf.'s Arbeit:Zu den karoling. Grenzbeſchreibungen von Heppenheim und Michelſtadt i. O. Vierteljahrſchrift für Sozial- u. Wirtſchaftsgeſch., Bd. 12, I, 1914). Auch der ſiscus hat eine marca; dieſe braucht