Aufsatz 
Zur Charakteristik Fenelon's / E. Scholderer
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dem Prinzen ein ganzes Sündenregiſter vor, daß er weder Geſicht noch Namen der Officiere behalte, daß er ihre Geſellſchaft vermeide, daß er kein Geheimnis zu bewahren verſtehe, dem König lächerlicher Weiſe das in Chiffern geſchrieben was er ſeiner Umgebung längſt ausgeſchwatzt habe, daß er von allen die Nachrichten am letzten erhalte, der Meinung anderer ſelbſt dann nachgebe, wenn er das Beßere erkannt habe, oder nur dann auf ſeiner Anſicht beſtehe, wenn ſie eine thörichte ſei. Was hatten dem armen Prinzen die vortrefflichen Lehren in Fenelon's Directions pour la conscience d'un roi geholfen? Die Einflußreichen im Heere benutzten ſeine Schwächen, um die Fehler die ſie machten zu entſchuldigen und zu verbergen. Es war bekannt, daß die beſte Art dem Könige den Hof zu machen immer geweſen war, die Prinzen ſeines Hauſes herabzuſetzen; er kam ſich dann um ſo größer und erhabener vor. Zu ſeinem größten Verdruß mußte Fenelon hören, was die Meinung und Stimmung der Officiere und der Hofleute über den Herzog war, welche Gerüchte über ihn um⸗ giengen. Er drohte zum allgemeinen Geſpötte zu werden. Da erzählte man, wie kindiſch und unan⸗ ſtändig er ſich bei Tafel benommen habe, wie er ſich bei ernſthaften Geſprächen und Berathungen damit unterhalten habe Traubenbeeren zu knicken, wie er, als der Befehl zum Vorrücken gegeben wurde, beim Ballſpiel gefunden worden ſei. Fenelon verhehlt ihm nichts von all dieſem, er vermag doch nicht ihn aus ſeiner Lethargie aufzurütteln; ſchwach ſind des Prinzen Entſchuldigungen. Sein Geiſt war niedergedrückt; warum ließ man ihm nicht die unſchuldigen Zerſtreuungen, die ihm allein erlaubt zu ſein ſchienen, ſich von ſeiner ewigen Andacht zu erholen. Fenelon mußte die Hoffnung aufgeben durch ſeinen Zögling Ruhm zu erndten. Der Miniſter Fenelon konnte vielleicht einen König von Bourgogne's Art ertragen; aber der dem Throne zunächſt Stehende mußte ein anderer ſein, wenn er dem Erzieher Macht verſchaffen ſollte. Dieſe Reſultate von Fenelon's Erziehungskunſt, der oft ganz unbegreifliche Einfluß den er auf den Prinzen ausübte können nur erklärt und verſtanden werden, wenn Fenelon's Beziehungen zur Religion und beſonders zum Quietismus in's Auge gefaßt werden, und wie ihn Fenelon zu ſeinen Zwecken benutzte.

Bis zu der Zeit, in welcher ſich Fenelon dem Quietismus hingab, war er nur ein Satellit Boſſuet's geweſen, er ſpielte nur die zweite Rolle, die ihm unerträglich ward. Durch den Quietismus wollte er ſich eine ihm ergebene, von ihm geleitete Partei ſchaffen, die ihn von Boſſuet, zugleich aber auch von den übrigen Parteien in der Kirche unabhängig machen, ihm eine ſelbſtſtändige Einwirkung auf die Geſchicke der Kirche und des Landes geſtatten ſollte. Im Hauſe Beaubilliers lernte Fenelon die Frau von Guyon kennen. Leur esprit se plut l'un à l'autre, leur sublime s'amalgama. Mit Eifer gieng er auf ihre Ideen ein und förderte ſie auf alle Weiſe. Er erkannte in ihr das geeignete Werkzeug zur Ausführung ſeiner Pläne, und ſie legte nicht minder Werth. auf den Beifall des angeſehenen Mannes, der auf der einen Seite ihr Lehrer und Leiter war, auf der andern ſich von ihr leiten ließ, wenn auch vielleicht nur ſcheinbar. Ihr Einfluß auf die Gemüther der Beau⸗ villiers, Chevreuſe u. ſ. w. mußte wachſen, da ein ſo frommer Mann Benehmen und Lehre der wunderbaren Frau billigte. Frau von Maintenon ſelbſt lernte Frau von Guyon kennen und findet es angemeßen ſich nicht ganz von ihr abzuwenden. Selbſt dem königlichen Beichtvater, dem P. Lachaiſe ſcheint es gerathen ſich nicht tadelnd über die frommen Verſammlungen zu äußern, die religiöſen Uebungen die Frau von Guyon anordnete zu billigen. Die Pforten des berühmten von der Frau von Maintenon gegründeten und geleiteten Erziehungshauſes Saint-Cyr öffneten ſich der Prophetin; ſie vereinigt Auserwählte dort um ſich, welche ſie in die Geheimniſſe der quietiſtiſchen