Aufsatz 
Zur Charakteristik Fenelon's / E. Scholderer
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Thätigkeit niemals ehrgeizige oder egoiſtiſche Motive gehabt hat, daß es ihm um die Sache der Kirche, der Religion zu thun war, daß die großen Gaben ſeines Geiſtes immer dem allein gewidmet waren, was er für recht und wahr erkannt. Nicht die Achtung vor ſeiner gründlichen Gelehrſamkeit, vor ſeiner Beredtſamkeit, vor ſeinem Geiſte, ſondern die Achtung vor ſeinem Charakter war es, was ihm jene Ausnahmſtellung verlieh, die ſeine Stimme zu einer entſcheidenden in den wichtigſten Angelegen⸗ heiten machte. Er war darum der Mann, um der Kirche und dem Katholicismus den rechten Aus⸗ druck zu geben. Mit dem großen und umfaſſenden Blick, den er von dem einmal eingenommenen Standpunkt des Katholiken hatte, war Boſſuet's Beſtreben immer darauf gerichtet das Allge⸗ meine, das Weſentliche in dem Katholicismus zu vertreten, der Begriff einer in der Geſchichte be⸗ gründeten nothwendigen Darſtellung der Kirche hieß ihn jeden aus der ſubjectiven Meinung des Ein⸗ zelnen oder der Partei hervorgehenden Eingriff zurückweiſen, darum bekämpfte er die Reformatoren, die Moliniſten, die Janſeniſten, denen er doch durch ſeine ſtrenge Anſicht der Moral nahe kam, da⸗ rum ſchließlich Fenelon.

Dieſer, der in ſeinem ganzen Auftreten die Reinheit der Beſtrebungen, die Uneigennützigkeit des chriſtlichen Prieſters beſonders betonte, mußte nothwendig einſehen, daß, um dieſen Ruf und dieſen Ruhm aufrecht zu erhalten, es nichts Erſprießlicheres geben könne, als den Anſchluß an Boſſuet, wenn auch noch nicht von vorn herein die Abſicht ihm deutlich ſein mochte, daß er Boſſuet's Einfluß nur als ein Mittel zur Beförderung anſehen wolle, daß die Freundſchaft mit Boſſuet nur ein Uebergangs⸗ ſtadium ſei zu der eigenen Selbſtſtändigkeit und Macht. Sein Taſten bei den Parteien hatte ihn gelehrt, wie unſicher dort der Boden für ihn ſei. Die Leichtigkeit, mit welcher ſich Fenelon andern zu accommodiren, Achtung und Neigung zu gewinnen verſtand, kam ihm auch bei Boſſuet trefflich zu Statten. Boſſuet durfte auch wohl einem jungen Manne, der zum Unterſchiede von ſo vielen anderen einen höheren Begriff von dem Amte des Prieſters zeigte, den Beifall nicht verſagen, den er zugleich ſeinen hervor⸗ ragenden Fähigkeiten zollen mußte. Das Intereſſe, welches Boſſuet an Fenelon nahm, war daher auch ein ſehr warmes und herzliches. Fenelon gieng durchaus in die Ideen ſeines Meiſters ein. Die erſten Werke die er unter der Leitung Boſſuet's ſchrieb, z. B. ein Buch gegen Malebranche und der einſt berühmte, aber ſchon von Leibnitz unbedeutend genannte Traité de l'existence de Dieu, ſind im auguſtiniſchen Sinne geſchrieben, was von der großen Verſatilität Fenelon's zeugt, der ſo bald ſich gänzlich den Moliniſten und Jeſuiten anſchließen ſollte. Immer enger ward die Verbindung Boſſuet's und Fenelon's. Es ſchien, als habe Boſſuet in ihm einen würdigen Genoſſen gefunden, der ihm bei⸗ ſtehe in dem Kampf gegen die Feinde der Kirche und der Vertheidigung des alten ehrwürdigen Dogma's. Fenelon wurde für den Biſchofſitz von Poitiers vorgeſchlagen, aber ſein Name vom Könige, man weiß nicht aus welchen Gründen, von der Liſte geſtrichen. Zwei neue Schriften, die eine Sur le ministère des pasteurs, die andere, der auch in Deutſchland zu Anſehen gelangende Traité sur l'éducation des filles erſchienen danach; letzterer auf Wunſch des mit Fenelon befreundeten Herzogs von Beauvilliers geſchrieben. Sie erhöhten das Anſehen welches Fenelon nun allgemein genoß. Der Lohn den er erhielt war denn im Jahre 1689 der Erzieherpoſten bei dem Herzoge von Bourgogne, dem Sohne des Dauphin, deſſen Erzieher Boſſuet geweſen war. In dieſem Amte nun war es möglich den Einfluß zu erringen, nach dem Fenelon ſtrebte. Nichts konnte vortheilhafter für den Ehrgeizigen ſein. Macht über dieſen jungen Fürſten zu erlangen mußte von der größten Bedeutung erſcheinen. Der Prinz war jung, von guten Anlagen. Sein Vater war unter der