Aufsatz 
Zur Charakteristik Fenelon's / E. Scholderer
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auf der er einſt die ganze Kirche beherrſcht hatte, zubringen ſollte, verachtet und beleidigt von denen die einſt ſeine Macht hatten fühlen müſſen. Seine Leiſtungen in den weſtlichen Provinzen hatte Fenelon in Paris und Verſailles in das rechte Licht zu ſetzen gewußt, er galt fortan etwas; es konnte nicht fehlen, daß ihm der Lohn ſeiner Thätigkeit ward. Wem aber ſich vorzüglich in der Kirche anſchließen, welcher Richtung folgen? Dieſe Frage zu beantworten war nicht ohne Schwierig⸗ keit. Daß er nicht den entſchiedenen Janſeniſten oder auch nur den der janſeniſtiſchen Ketzerei Ver⸗ dächtigen beitreten konnte, darüber mochte kein Zweifel ſein. Dies hieß alle Ausſicht auf Beförderung ausſchließen. Bei dem Könige war die Furcht vor dem Janſenismus und die Abneigung gegen alles, was Janſeniſten hieß, unerſchütterlich. Je weniger tiefer begründeten Begriff Ludwig XIV. von allem Religiöſen hatte, je weniger er bei der mangelhaften Erziehung, die ihm geworden und deren Gebrechen er zuweilen ſelbſt eingeſehen hatte, geeignet war über die Fragen zu urtheilen welche damals die Geiſter in der Kirche beſchäftigten, je mehr ferner ſeine Religion ſich auf die Er⸗ füllung der äußerlichen Vorſchriften beſchränkte, um ſo mehr mußte er das Bedürfniß in ſich fühlen, bei dem was ihm ſeine Umgebung, die ihn in Sachen der Religion gänzlich beherrſchte, als das allein Richtige und Orthodoxe darſtellte zu beharren, um ſo mehr Abneigung und Haß mußte er gegen das unverſtandene Fremde in ſich tragen, um ſo willkommener mußte ihm die Verfolgung dieſes Fremden ſein. In dieſer Feindſchaft ſuchte er die religiöſe Befriedigung, die ihm doch fehlte, und ſein eigentliches Verdienſt. Dazu kam daß er, wenn er auch noch ſo ſehr, den Glanz ſeiner Regie⸗ rung zu erhöhen, Litteratur und Kunſt unterſtützen mochte, doch im Grunde gegen die geiſtige Thätig⸗ keit, die ihm ſelbſt widerſprach, Widerwillen haben mußte. Dem Idealismus war er ſo feind, wie Napoleon; was dieſer, dem wie Ludwig XIV. die Größe der Nation mehr in der äußerlichen Erſchei⸗ nung, als in dem innern Werthe beſtand, die Ideologen und Doktrinärs nannte, das nannte Lud⸗ wig die esprits chimériques, wie er denn nachher beſonders Fenelon mit dieſem Namen belegte. So haßte er die Reformirten, ſo die Janſeniſten; wer Einen auf alle Zeiten bei dem König in Mis⸗ kredit bringen wollte, der durfte nur und es hielt nicht zu ſchwer dem König den Beweis liefern daß der Betreffende ein geheimer Janſeniſt ſei. Und dennoch war Fenelon nicht ohne Be⸗ ziehung zu den Janſeniſten geblieben. Il avait frappé à toutes les portes, sans se les pouvoir faire ouvrir, meint Saint-Simon. Er konnte nicht dem Reiz widerſtehen, den dieſe, zu welchen ja die bedeutendſten und geiſtig hervorragendſten Männer gehörten, auf ſo viele ausübten. Die Kreiſe der Janſeniſten waren in mancher Hinſicht die angeſehenſten, Talent, Witz, Geiſt fand ſich vor allem bei ihnen. Die Jeſuiten, denen Fenelon zuerſt ſich mehr angeſchloſſen, hatten die Erwartungen, die er von ihrer mächtigen Körperſchaft gehegt hatte, getäuſcht; ſie hatten wohl erkannt daß Fenelon mit all ſeinen Vorzügen doch nie ein brauchbares und gefügiges Werkzeug in ihren Händen ſein würde er ſollte nachher doch wieder der ihrige werden. Fenelon hatte höflich und ſchmeichelnd bei der Herzogin von Brancas Zutritt gefunden, die in ſtarkem Unabhängigkeitsgefühl aus ihren Neigungen kein Hehl machte und eine am Hofe verpönte Geſellſchaft um ſich ſah. Er war zu den Mahlzeiten geladen worden, mit welchen dieſe ihre janſeniſtiſchen Freunde zu bewirthen pflegte. Ob ſie ihn erkannten, oder ob er einſah, daß bei aller Vorſicht ſeines Benehmens, und wie ſehr er ſich Hinterthüren immer aufließ um zu rechter Zeit ſeinen Rückzug nehmen zu können, er doch ſchließlich nur ihre Leiden und Verfolgungen würde theilen müſſen: ſeine Verbindung mit den Janſeniſten ward bald gelöſt.