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in ſeinem Muſterſtaate, die man entweder belächelt oder mit großem Ernſte getadelt hat, keines von beiden mit Recht. Aber man darf noch weiter gehen. Gerade ſolche Details beweiſen im Gegentheil dafür daß Fenelon durchaus nichts Phantaſtiſches, Chimeriſches hatte. Es ſind nur Auswüchſe ſeiner Neigung zum Klaren, Ordnungs⸗ und Verſtandesgemäßen, die ſich ebenſowohl in dem Stil ſeiner Schriften zeigt, der die Blumen ganz der trocknen Rhetorik jener Zeit gemäß künſtlich aufſetzt, als in ſeinem Geſchmack in der Litteratur, ſeiner Vorliebe für die zierlichen Schriftſteller, gegenüber den tiefern, und in ſeiner Moral, in welcher er gerade der Vertreter des geſunden Menſchenverſtandes, der klaren maßhaltenden Nüchternheit iſt. Wenn eine charakteriſtiſche Eigenſchaft der nicht religiöſen Schriften Fenelon's hervorgehoben werden ſollte, ſo wäre es eben der bon sens. Wie aber ſoll ſich der bon sens mit dem Myſticismus vertragen? Und in der That, wer die Werke Fenelon's lieſt, der findet, ohne dem Sinne Gewalt anzuthun, auch nicht den geringſten Anhaltspunkt, von dem aus er die Brücke zu ſeinen myſtiſchen Schriften ſchlagen könnte. Es iſt eben keine Verbindung beider möglich. Der Grund, weshalb derſelbe Autor nach ſo verſchiedenen, ja ganz entgegengeſetzten Rich⸗ tungen hat wirkſam ſein können, muß in etwas anderem geſucht werden.
Fenelon, aus einer altadeligen Familie, war frühe ſchon zu dem geiſtlichen Stande beſtimmt worden, dem einzigen in welchem ſeine wenig begüterte Familie eine Ausſicht für eine raſche und lohnende Carriere ſah, zumal ein Bruder Fenelon's dem Militärſtand ſich widmete, in welchem ſchnelle Beförderung ohne bedeutende Geldmittel unmöglich oder doch ſehr ſelten war. In der Kirche war aber der Vorzug der Geburt ein unendlich wichtiger und entſcheidender. Ward doch der große Boſſuet ſelbſt, den nach dem Tode des Erzbiſchofs von Paris, Harlay, alle Stimmen als den wür⸗ digſten bezeichneten dieſem zu folgen, als de trop petite lignée angeſehen, um eine ſo hohe Stel⸗ lung einzunehmen. Denn, fügt ſpottend der Herzog von Saint-Simon, ein Mann, der gewiß wie einer die Vorrechte und das Anſehen des Adels vertheidigt hat, da er dies erzählt, hinzu: Le mérite à ses(Louis XIV.) yeux ne venait qu'après la noblesse. An Freunden konnte es Fenelon nicht fehlen. Vor allem nahm ſich ſeiner ein bei dem König in Gnaden ſtehender, ſeiner Rechtlichkeit und Tüchtigkeit wegen überall geachteter Verwandter, ſein Oheim der Generallieutenant von Fenelon an. Fenelon aber war eine Perſönlichkeit, deren Schutz und Förderung ſich jeder gern mochte angelegen ſein laſſen. Vorzüglich mit Gaben des Geiſtes ausgerüſtet,— Boſſuet ſagt einmal von ihm: ah, pour de l'esprit, il n'en a que trop et à faire peur,— wußte er ſchon in ſeiner frühen Jugend die Aufmerkſamkeit ſeiner Lehrer und ſeiner Umgebung auf ſich zu ziehen; mit neunzehn Jahren predigte er unter großem Beifall. Nachher ſtudirte er unter der Leitung des Superiors des Kloſters Saint-Sulpice in Paris, mit welchem er auch lange nachher in ſehr enger und für ihn überaus vortheilhafter Beziehung blieb, ohne übrigens gerade eine beſondere Gelehrſamkeit zu erwerben; dieſe war bei ihm immer wenig gründlich und ſolid. Es kam ihm immer mehr auf die praktiſche Ver⸗ werthung der Wiſſenſchaft, als auf dieſe ſelbſt an. Keine ſeiner Schriften iſt aus dem reinen In⸗ tereſſe an ihr hervorgegangen. Aber eben die Verwerthung für das Leben und für ſeinen Ruhm verſtand er wie kein anderer. Die unbefangenen Zeitgenoßen waren über ſeinen Charakter nicht im Unklaren, und was ſich uns im ganzen Verlaufe ſeiner in ſo reichem Maße erhaltenen Correſpondenz ergibt und was von Fenelon's Freunden von ihm berichtet wird, daß der Ehrgeiz ſeine hervor⸗ ragendſte Eigenſchaft geweſen ſei, das ſagt kurz der Herzog von Saint-Simon, der mit Fenelon’'s wärmſten Anhängern auf's engſte verbunden war, in der Charakteriſtik die er von dem Erzbiſchof
Höhere Bürgerſchule. 2


