Aufsatz 
Zur Charakteristik Fenelon's / E. Scholderer
Einzelbild herunterladen

8

ſelben: Soyons le ballon de notre bon maitre. Il garde sa gravité avec les hommes, mais il joue avec les enfants. Die kindiſchſten Träume und Viſionen werden mit der größten Ernſthaftig⸗ keit erzählt, ſie haben nicht einmal den poetiſchen Reiz und Duft, der uns bei andern Myſtikern be⸗ ſtechen kann. Die trivialſten Dinge, die ſie ſelbſt angehen, erzählte ſie mit der größten Wichtigkeit, auch ſolche profaner Art. Zur Zeit ihrer Gefangenſchaft ſind die Briefe voll Klagen, ihr materielles Befinden beſchäftigt ſie unmäßig, ihre, häuslichen Wünſche, das Fehlen gewohnter Begquemlich⸗ keiten u. ſ. w. Sie war eben von ihren vornehmen Freunden und Freundinnen verwöhnt worden. Vor allem empfindlich war ſie, wenn von anderen Begeiſterten und Eingeweihten ihr wohlerworbenes Anſehen ſtreitig gemacht zu werden drohte. Dann brach ſie in heftigen Worten und Angriffen los. Ein gewiſſer Pater Vauher, der ein ſolches Beichtkind hatte, wird kurzweg von ihr le chef de la synagogue de Satan betitelt. Anfangs war ſie dieſer Collegin nicht allzuſehr feind, und ſie war nahe daran ihr das geforderte Vertrauen zu ſchenken, wenn nicht ihr untrüglicher Führer, ihr Herz, ſie noch zu rechter Zeit eines Beßeren belehrt hätte. Es ſcheint, daß in den 39 Bänden ihrer Schriften, die 1768 in Holland geſammelt erſchienen und im Jahre 1790, alſo mitten in der Revolution zu Paris von den Libraires associés nachgedruckt worden ſind in 40 Bänden(!), mancherlei von dem enthalten ſei, was ſelbſt ihren Freunden denn doch zu ſtark war. Fenelon vertheidigt ſich wenigſtens ſehr ernſtlich dagegen, daß er von ihren Erzeugniſſen anderes geleſen und gekannt habe, als die zwei oben angeführten Bücher, das Moyen court und die Explication du Cantique des Cantiques. Sie ſelbſt ſcheint nicht gerade großen Werth auf die Litteratur der Myſtiker gelegt zu haben. Der Abbé Boileau gibt uns in einem Briefe an Fenelon, der ihm Vorwürfe gemacht hatte daß er ſich ſeinen Feinden angeſchloßen und Frau von Guyon angegriffen habe, das Verzeichnis der Bücher, aus denen die Bibliothek der armen Gefangenen beſtand: Griseldis, Don Quichotte, Peau d'àne, la belle Hélène, des opéras, des romans, des comédies de Molière. Jamais dévote jusqu'ici n'avait fait provision de tels livres. Freilich: II n'y a qu'à prendre ce livre dans le sens spirituel, disait- elle, en donnant la belle Hélène à son abbé: cette pièce est bonne et instructive, fiez-vous-y, wobei man nur bedauern mag, daß ſie nicht ſpiritualiſtiſche Explicationen zum Beiſpiel zum Don Quichotte verfaßt hat.

Man hat ſich oft gewundert, daß Fenelon der Freund dieſer Frau habe werden und ihr eine Anhänglichkeit bewahren können, die ihr Auftreten, mag man von ihren Schriften denken was man will, ſo auffallend macht, und man hat ſich nach den Gründen gefragt die Fenelon geleitet hätten, ohne ſich eine genügende Antwort geben zu können. Und doch wäre die Antwort leicht genug geweſen, wenn man, wie man es that, jene Ideen der Frau von Guyon auch in Fenelon voraus⸗ ſetzte und fand, wenn man in ſeinen Schriften jene Neigung zu dem Miſtiſchen erkannte, die ihn zu Frau von Guyon hingeführt habe. Sehen wir aber Fenelon's Schriften genauer an, ſo wird ſich bald eine ſehr weſentliche Verſchiedenheit zwiſchen den religiöſen und nicht religiöſen entdecken laſſen. Seine Beurtheiler haben dies auch wirklich gefühlt und nach einer Verbindung geſucht, indem der eine ſehr gezwungen das Myſtiſche der religiöſen Schriften auch in den andern ſah, der andere, um den allgemeinen Character zu bezeichnen, dies mit dem Ausoruckchimeriſch gethan zu haben glaubte. Sieht man aber näher zu, worin die Beweiſe dieſes Chimeriſchen beſtehen ſollen, ſo bleibt nichts übrig, als einige Meinungen, die Fenelon über Einrichtung des Staats im Telemach und andern Schriften ausſpricht, und die im Grunde nur Nebendinge angehen, z. B. die Kleiderordnung